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«Es ist wichtig für Architektinnen und Architekten, sich politisch einzubringen»

Publiziert 26. August 2025

«Es ist wichtig für Architektinnen und Architekten, sich politisch einzubringen»

Interview: Tina Cieslik, Head of Multimedia, espazium.ch

 

2024 gewannen Maximilian Lewark, Josiane Schmidt und Alexander Throm einen SIA Masterpreis Architektur. Nun sind sie selbst in Lehre und Forschung tätig. Wie erleben sie diesen Perspektivenwechsel und wie definiert die kommende Generation den Architekturberuf?


Im Herbst 2024 haben Sie mit Ihrer Masterarbeit «Ode to Joy» einen SIA Masterpreis Architektur gewonnen. Wie ist es Ihnen seither ergangen?

Maximilian Lewark: Seit Dezember sind wir als wissenschaftliche Mitarbeitende bei station+, dem Lehrstuhl von Arno Brandlhuber, an der ETH Zürich tätig. Hauptsächlich arbeiten wir dort an der europäischen Bürger­initiative «HouseEurope!», die sich für EU-Gesetze einsetzt, die Umbau und Transformation zur neuen Norm machen anstelle der spekulationsgetriebenen Abriss-Neubau-Praxis, wie sie heute üblich ist. Das erste Semester haben wir vor wenigen Wochen abgeschlossen. Die Arbeit mit den Studierenden war sehr spannend und so kurz nach dem eigenen Abschluss durchaus auch fordernd.


Sie haben Ihren Abschluss ebenfalls an der ETH Zürich gemacht. Wie erleben Sie diesen Perspek­tivenwechsel jetzt als Betreuer?

Josiane Schmidt: Für mich ist es interessant zu sehen, dass man einen ganz anderen Fokus hat. Während man als Studierende sehr tief im Projekt ist, versteht man in der Lehrposition, wie wichtig es ist, Inhalte in ein Narrativ zu verpacken und vermitteln zu können. Aber die schönste Erfahrung war unsere integrierte Seminarwoche: Wir sind mit den Studierenden in sieben EU-Länder gereist. Sie haben dort mit Studierenden anderer Universitäten Veranstaltungen organisiert, um über Transformation, Renovierung und über «HouseEurope!» zu sprechen. Zu sehen, wie die Studierenden Verantwortung übernehmen und in der Lage sind, Dinge im echten Leben umzusetzen, Ausstellungen zu machen, Dis­kussionsrunden zu organisieren, fand ich sehr beeindruckend.


Was haben Sie selbst am Studium geschätzt? Hat Sie das Studium adäquat auf die Berufstätigkeit vorbereitet?

Alexander Throm: Wir schätzen vor allem die grosse Vielfalt und die Auswahl an verschiedenen Dingen, die wir machen konnten. Wir drei haben zusammen an fünf verschiedenen Universitäten studiert: Unseren Bachelor haben wir an der TU München gemacht. Währenddessen waren wir alle ein Jahr an unterschiedlichen Hochschulen im Ausland. Danach sind wir zum Masterstudium an die ETH Zürich gewechselt. So konnten wir mehrere Realitäten dessen, was dieser Beruf sein kann, erleben und im Studium verschiedene Schwerpunkte setzen. Gerade an der ETH haben wir das weite Spektrum der Architektur und die unterschied­lichen, auch experimentelleren Ansätze sehr geschätzt.


Für Ihre freie Masterarbeit haben Sie sich für eine politisch-legisla­tive Aufgabe entschieden. Gehört diese Art der politischen Beteiligung Ihrer Meinung nach in den Aufgabenbereich einer Architektin, eines Architekten?

Alexander Throm: Sich politisch einzubringen ist für Architektinnen und Architekten sehr wichtig. Denn auf der gesetzlichen Ebene werden die Rahmenbedingungen für Planung und Bau gesetzt. Das war auch bei unserer Masterarbeit so. Nach dem Re­search-Semester haben wir darüber diskutiert, wie wir den Entwurfs­teil der Masterarbeit angehen wollen. Wir hätten ein Projekt vorschlagen können, das unseren Vorgaben an die Nachhaltigkeit entspricht. Aber das wäre nicht realistisch gewesen, denn die Rahmenbedingungen dafür waren nicht gegeben. Also haben wir uns dafür entschieden, diese Rahmenbedingungen kritisch zu hinter­fragen und sogar zu versuchen, sie zu verändern.

Josiane Schmidt: Unsere Arbeit ist insofern besonders, als dass es sich um ein reales Projekt handelt, das aktuell noch in der Entwicklung ist. Also nicht nur ein echtes Projekt, das abgeschlossen ist, zu dem man anschliessend eine Position entwickelt, sondern ein realer Vorgang mit mehr als 30 Akteurinnen und Akteuren, die wir in der Anfangsphase unserer Arbeit auch eingebunden haben.
Die Freiheit, die wir durch den universitären Kontext hatten, wollten wir dazu nutzen, eine Alternative auszuarbeiten, die in der Realität Bestand hat und einen Mehrwert bietet. An einem gewissen Punkt haben wir uns also dafür entschieden, uns nicht in die Fiktion zurückzuziehen, sondern das zu entwerfen, was für diesen Vorgang sinnvoll ist. Und das war eben ein Eigentumsmodell und dann eine Case Study.


Wie ist es mit Ihrer Arbeit weitergegangen? Hat sie Spuren in Brüssel hinterlassen?

Maximilian Lewark: Im vergangenen Herbst hatten wir die Chance, im Rahmen der Architekturwoche in Brüssel eine Ausstellung von «Ode to Joy» zu machen. Dorthin kamen auch Architek­tinnen und Architekten, die in das echte Projekt involviert waren. Auch Mitglieder der Europäischen Kommission waren da. Wir haben dort ausserdem eine Diskussionsrunde organisiert, zum Beispiel mit einem Vertreter von «Perspective Brussels», dem Äqui­valent des Stadtplanungsamts.

Daraufhin haben wir uns mit unserem Projekt «21 Buildings» erfolgreich für den Flemish Arts Decree beworben – eigentlich eine Kulturförderung, die aber auch Architekturprojekte unterstützt. Unsere Idee war es, den «Cityforward»-Verkaufsprozess während zwei Jahren kritisch zu begleiten. Wir wollen eine gewisse Öffentlichkeit herstellen für das, was mit diesen Gebäuden passiert, für die Rolle und die Verantwortung, die die jeweiligen Institutionen dabei innehaben. Zum einen in Form von vier öffentlichen Veranstaltungen, zum anderen möchten wir weiterhin einen Gegenvorschlag verfolgen, der zeigt, wie öffentlich zugängliche Räume oder leistbarer Wohnraum in diesen ehemaligen Bürogebäuden geschaffen werden können. Der nächste Punkt ist, im Herbst öffentliche Führungen zu organisieren. Damit möchten wir zeigen, was mit den Gebäuden passiert und welche anderen Narrative wir anbieten können. Es gibt Alter­nativen zur Reproduktion von Bürogebäuden und hochprei­sigem Wohnen.


Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Maximilian Lewark: Optimismus. Wir haben gerade mit einem vierten guten Freund eine Kollektivgesellschaft gegründet. Sie heisst «optimist office». Unser Plan ist es, weiterhin in verschiedenen Formaten daran zu arbeiten, wie wir mit dem Gebäudebestand umgehen können, um ihn sozial und ökologisch nachhaltig zu transformieren. Durch die Teilzeitanstellung an der ETH Zürich ist das möglich, wir sind da in einer privilegierten Lage. Wir möchten weiterhin Projektstudien, Recherchearbeit und Wettbewerbsvorschläge machen, auch mit Gegenprojekten arbeiten, wie wir das in der Masterarbeit und bei «21 Buildings» gemacht haben. Um zu beweisen, wie gross das Potenzial des Bestands ist und ein optimistisches Narrativ dafür zu finden.


Haben Sie einen Ratschlag an die aktuellen Masterstudierenden?

Josiane Schmidt: Wir möchten ein Plädoyer halten für die freie Masterarbeit. Hochschulpolitisch steht sie immer wieder unter Druck, auch an der ETH Zürich. Aber wir können sie nur empfehlen. Die Chance, ein Jahr lang die Ressourcen zu haben, um ausschliesslich an einem Thema zu arbeiten, ist wahrscheinlich einmalig. Natürlich muss man einiges selbst organisieren und sich sehr engagieren, aber wir denken, es ist eine super Chance. 


Einen Film zum Projekt und die detaillierte Recherche gibt es auf der Projektwebsite.


SIA MASTERPREIS ARCHITEKTUR 2025

Zum vierten Mal werden im Herbst die besten Masterarbeiten der Schweiz im Fach Architektur ausgezeichnet. Alle Projekte, die im Herbstsemester 2024 oder im Frühlingssemester 2025 abgeschlossen wurden, qualifizierten sich für die Auswahl. Sie können auf sia-masterpreis.ch eingesehen werden. 

Die Jurierung durch eine unabhängige Jury erfolgt Anfang Ok­tober, anschliessend werden die einge­reichten Arbeiten bis zum 26. Oktober an der Accademia di architettura der Università della Svizzera italiana in Mendrisio ausgestellt. Dort findet am 22. Oktober auch die feierliche Preisverleihung statt. 

Weitere Informationen
sia-masterpreis.ch; education.espazium.ch/de/themen/sia-masterpreis-architektur