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Wiederverwendung lehren

Clara Simay, Philippe Simay
 

Die Architektin Clara Simay und der Philosoph Philippe Simay fordern: Die Architekturausbildung soll durch eine Pädagogik des «Machens» wieder in eine Welt mit endlichen Ressourcen eingebettet werden. Wie das gehen könnte, erläuterten sie Anfang Dezember in einem Vortrag in Genf.  

«In einer Welt, die immer weniger bewohnbar wird, zeigen sich die Versprechen des Überflusses des Industriezeitalters – basierend auf der unbegrenzten Ausbeutung der Ressourcen der Erde – als das, was sie sind: Illusionen, die uns in den Abgrund führen. 

Wir wissen, dass es in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum gibt. Dennoch verharrt die Baubranche in schuldhafter Blindheit. Trotz einiger kosmetischer Gesten im Namen des Klimas bleibt sie in einer extraktivistischen und produktivistischen Logik gefangen, in der das Neue weiterhin vorherrscht. 

Doch es geht heute nicht mehr darum, ein tödliches Modell marginal zu verbessern – wir müssen mit ihm brechen. Wir brauchen eine neue Ressourcenphilosophie, die mit den planetarischen Grenzen im Einklang steht.

Vor diesem Hintergrund haben wir 2020 im Rahmen des vom Pavillon de l'Arsenal in Paris organisierten Forums «Et demain, on fait quoi ?» (Was machen wir morgen?) ein Plädoyer für die Schaffung einer «Schule der Wiederverwendung»1 veröffentlicht. 

Als die Covid-19-Pandemie die Welt zum Stillstand brachte, schien es uns notwendig, eine konstruktive post-extraktivistische Praxis zu fördern, die nur bereits vorhandene materielle Ressourcen nutzt, ohne weitere Rohstoffe zu verbrauchen. Es ging nicht darum, eine rein technische Ausbildung zu schaffen, sondern einen echten kulturellen Wandel auf der Grundlage radikaler Genügsamkeit herbeizuführen. 

Wiederverwendung zu lehren bedeutet nicht nur, zu wissen, wie man etwas zerlegt, sortiert, wiederaufbereitet und wieder zusammenbaut. Es bedeutet in erster Linie, zu lernen, anders zu denken und zu handeln, gemeinsam zu arbeiten, das Vorhandene zu schätzen und mit dem auszukommen, was übrigbleibt.

Dieser Vorschlag für eine interdisziplinäre Ausbildung, die Architektinnen, Ingenieure, Arbeiter und Handwerkerinnen sowie Bauherrschaften und Entscheidungsträgerinnen in einem einzigen Studiengang zusammenbringen würde, zielte darauf ab, die Architektur aus ihrer Selbstbezogenheit herauszuholen und sie mit neuen sozialen, kulturellen und politischen Dialogen zu bereichern. 

Wir sind der Meinung, dass diese Transversalität der einzige Weg ist, um die Wiederverwendung zu einer Selbstverständlichkeit innerhalb der Berufskulturen zu machen –nicht zu einer Randerscheinung.

Im Anschluss an dieses Plädoyer haben wir 2022 im Rahmen des Pilotprojekts Maison des Canaux ein konkretes Experiment gestartet. Das Projekt wird von unserer Architekturgenossenschaft Grand Huit in Zusammenarbeit mit der Stadt Paris, Ekopolis und Edifice durchgeführt und bietet ein Schulungsprogramm für alle Akteure der Stadtentwicklung, von Arbeitern bis zu Bauherrschaften. 

Das Programm ist in Form von sich überschneidenden Kursen mit einer gemeinsamen Grundlage strukturiert: theoretische Einheiten zum Thema Ressourcenschonung und praktische Einheiten in Werkstätten oder auf Baustellen, um die Techniken der Wiederverwendung kennenzulernen. 

Letztere waren nach Berufsgruppen gegliedert und einige wurden in Filmen festgehalten. Das Lernen durch «Machen» bei Handwerkern, das Eintauchen in konkrete Situationen und die Freiheit zu experimentieren bildeten die Säulen einer in der Realität verankerten Pädagogik. 


➔ Videos, die die verschiedenen Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft veranschaulichen (auf französisch): Mauerwerk zirkulär; Tapeten zirkulär: Schreinerarbeiten zirkulär

Das von der Agentur für ökologischen Wandel (ADEME) drei Jahre lang finanzierte Programm, das im Juni 2025 endete, erreichte ein breites Publikum: Fachleute aus dem Baugewerbe, Arbeitnehmer in Eingliederungsmassnahmen, Arbeitssuchende, Auszubildende und Empfänger von Sozialhilfe. 

Der stark integrative Charakter dieser Ausbildung ermöglichte es vielen von ihnen, beruflich neue Wege einzuschlagen, ihre Praktiken zu verändern und andere Bauweisen zu entdecken.

Trotz des Erfolgs dieser Ausbildung und ihrer Reproduzierbarkeit bedauern wir, dass wir keine Architektur- oder Ingenieurschulen einbeziehen konnten. Wir hatten uns damals dafür entschieden, uns zunächst an die Berufswelt zu wenden, weil dort der Wunsch zu lernen, die Praktiken zu ändern und die lokalen Ökobau-Branchen zu strukturieren, konkreter war. 

Der Bedarf war dringend und greifbar. Aber es reicht nicht aus, ausschliesslich Fachleute auszubilden: Man muss bereits im Vorfeld eingreifen, um zu verhindern, dass produktivistische Reflexe in der akademischen Lehre fortbestehen.

Allerdings muss man die jüngsten Entwicklungen in den Studiengängen im Bereich Bauwesen anerkennen. Seit mehreren Jahren hat sich das Thema Wiederverwendung mit zunehmend konkreten und bereichsübergreifenden Ansätzen in den Schulen etabliert. 

An der École d'architecture de Paris-Belleville beispielsweise verbindet der Unterricht zum Thema Wiederverwendung Theorie, Workshops und Fallstudien. Die Studierenden arbeiten direkt mit vorhandenen Materialquellen oder auf laufenden Baustellen. 

An der UCLouvain wurden mehrere «Récupérathèques» eingerichtet, um Bürobedarf, Kleinmöbel oder Materialien für den Modellbau ein zweites Leben zu geben. Sie werden von den Studierenden verwaltet, funktionieren nach einem Tauschsystem und einer lokalen Währung und tragen nicht nur zur Abfallreduzierung, sondern auch zu einer besseren sozialen Integration bei. 

Jedes Jahr entstehen an europäischen Schulen neue pädagogische Formate, die auf der Zusammenarbeit mit Handwerkern basieren. Wiederverwendungsplattformen und das Lernen durch «Tun» werden dabei zu unverzichtbaren Werkzeugen.

Auch wenn Architekturhochschulen heute an Bedeutung gewinnen, indem sie sich stärker für die Berufswelt öffnen, dürfen sie sich dennoch nicht vollständig ihren Anforderungen beugen. Das würde bedeuten, ein bereits veraltetes System zu bestätigen. 

Sie müssen mit allen Mitteln ihre Autonomie und ihren kritischen Geist pflegen. Sie sind einer der wenigen Orte, an denen der Sinn für konstruktive Praktiken völlig unabhängig hinterfragt werden kann, an denen man die beruflichen Normen und die ihnen zugrunde liegenden wirtschaftlichen Logiken hinterfragen kann, an denen man gemeinsam darüber diskutieren kann, was «Bauen» in einer endlichen Welt bedeutet.

In dieser Richtung möchten wir die Erfahrung der Ausbildung «Les chemins du bâtiment circulaire» (Wege zum zirkulären Bauen) im Rahmen eines neuen Projekts fortsetzen. Unser Ziel ist es, eine Lehrbaustelle zu entwickeln, die als Lern- und Experimentierort rund um das Thema Wiederverwendung für Menschen in Eingliederungs- oder Umschulungsmassnahmen sowie für Studierende dient. 

Wir hoffen, dass sich langfristig ein Netzwerk von Lehrbaustellen entwickeln wird, das das Lernen durch «Tun» fördert, das Körper und Geist einbezieht und so nah wie möglich an der Realität ist. 

Hier zeigt sich der soziale und politische Wert der Wiederverwendung: Nicht im Dienst einer massenhaften Produktion von architektonischen Objekten, selbst wenn diese aus wiederverwendeten Elementen bestehen, sondern als eine schlichte, kollektive und ortsspezifische Praxis, die darauf abzielt, Bestehendes zu reparieren oder umzugestalten, um in der Welt zu leben, ohne sie auszubeuten.


Clara Simay ist Architektin und Mitbegründerin der Genossenschaft Grand Huit, die sich für ökologische und solidarische Lebensräume einsetzt. Sie unterrichtet im Masterstudiengang an der École Spéciale d'Architecture. Zuletzt erschienenes Werk: «La Ferme du rail: pour une ville écologique et solidaire» (mit Philippe Simay, Actes Sud, 2021).

Philippe Simay ist Dozent für Philosophie an der École d'architecture de Paris-Belleville und Lehrbeauftragter an der HEPIA in Genf. Er moderierte die Dokumentarserie «Habiter le monde» (In de Welt zuhause) auf Arte. Zuletzt erschienene Werke: «La Ferme du rail: pour une ville écologique et solidaire» (mit Clara Simay, Actes Sud, 2021) und «Bâtir avec ce qui reste. Quelles ressources pour sortir de l’extractivisme ? (Terre urbaine, 2024)».

Anmerkung

1 Clara und Philippe Simay, «Une école du réemploi : pour un Green New Deal de la construction» in: Et demain, on fait quoi ? 198 contributions pour penser la ville, Paris, Pavillon de l’arsenal, 2020, S. 205.