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Zirkuläres Denken fördern
Zirkuläres Denken fördern
Prof. Dr. Catherine De Wolf, Gründerin und Leiterin des Lehrstuhls Circular Engineering for Architecture (CEA) am Departement für Bau, Umwelt und Geomatik (ETH Zürich – D-BAUG)
In diesem Artikel plädiert Catherine De Wolf, ETH Zürich, für eine systemische Integration der Kreislaufwirtschaft in die Architekturausbildung. Sie betont, dass Sensibilisierungsmodule nicht mehr ausreichen: Um diese Ansätze zu verwirklichen, sind Wirtschaftsmodelle, Führungsstärke und nationale Koordination erforderlich. An der ETH verbindet ihre interdisziplinäre Lehre fortschrittliche digitale Werkzeuge und wiederverwendete Materialien in direkter Verbindung mit realen Partnern.
Die Kreislaufwirtschaft hat sich von einem Randthema zu einer zentralen Säule der Architekturausbildung entwickelt. In der Schweiz hat sich diese Entwicklung rasch vollzogen. Eine wachsende Zahl von Studiengängen widmet sich heute der Wiederverwendung von Materialien, der reversiblen Umgestaltung – oder adaptiven Wiederverwendung –, der Reparatur und dem Rückbau, unterstützt durch digitale Werkzeuge, mit denen die Studierenden das Bestehende kartografieren, scannen und modellieren können.
Die aktuelle Herausforderung besteht nicht mehr nur darin, das Bewusstsein zu schärfen, sondern das Wissen konkret umzusetzen. Es geht nun darum, den Studierenden nicht nur Designkompetenzen zu vermitteln, sondern auch die notwendigen Werkzeuge an die Hand zu geben, um Veränderungen in der Praxis anzustossen: Wirtschaftsmodelle, Verständnis für rechtliche Rahmenbedingungen und die Fähigkeit, mit realen Partnern zusammenzuarbeiten und sie zu überzeugen.
Meine Sichtweise basiert auf meinen Erfahrungen als Dozentin an der ETH Zürich, aber auch auf meinen früheren Tätigkeiten an der TU Delft, der EPFL, der Universität Nanjing, dem MIT und anderen Institutionen in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten. In all diesen Kontexten habe ich eine gemeinsame Dynamik beobachtet: ein wachsendes Bewusstsein für die Dringlichkeit der Kreislaufwirtschaft, gefolgt von einem langsamen, aber entschlossenen Übergang zu stärker integrierten, interdisziplinären und in konkreten Projekten verankerten Lehrformaten.
Workshops und Sensibilisierungsmodule sind nützlich, aber nicht ausreichend. Kreislaufwirtschaft muss Teil des gemeinsamen Kerncurriculums der Architektur- und Ingenieurausbildung sein. Alle Studierenden müssen Grundkenntnisse erwerben und die Möglichkeit haben, sich in Bereichen wie Lebenszyklusanalyse oder kreislaufwirtschaftliches Projektmanagement weiter zu spezialisieren. Massnahmen wie CAS und MAS ermöglichen es, dieses Wissen in der Praxis zu verankern. Die Grundlagen müssen jedoch bereits im Bachelor- und Masterstudium gelegt werden.
Kreislaufwirtschaft kann nicht isoliert gelehrt werden: Sie muss es ermöglichen, architektonisches Design mit Materialwirtschaft, Bauphysik, Logistik, öffentlicher Politik und digitalen Werkzeugen zu verbinden. Sie isoliert zu behandeln, würde bedeuten, sie von der Architekturkultur zu trennen. Am besten funktionieren nicht isolierte Lehrveranstaltungen, sondern pädagogische Modelle, die die Studierenden in direkten Kontakt mit Bauherrschaften, realen Materialien und konkreten Anforderungen bringen.
Ausbildung und Unternehmergeist
Zirkularität ist nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine zutiefst kulturelle. Sie erfordert ein Umdenken hinsichtlich unserer Werte, unserer Verantwortung und der Rolle von Projekten bei der langfristigen Transformation unserer Umwelt. Diese Überlegungen gehen über die Hörsäle hinaus und erstrecken sich auf Fachforen, Kolloquien und Forschungsnetzwerke.
Ein symbolträchtiges Beispiel ist das Symposium der International Association of Shell and Spatial Structures (IASS)1, das ich 2024 an der ETH Zürich gemeinsam mit den Professoren Philippe Block, Jacqueline Pauli und Walter Kaufmann geleitet habe. Dieses Symposium erweiterte das klassische Dreigespann der IASS – Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Eleganz – um zwei neue Dimensionen: Umwelt und Ethik. In seiner Eröffnungsrede schlug Professor John Ochsendorf zwei weitere «E» vor: Bildung (education) und Unternehmertum (entrepreneurship). Zusammen bilden diese sieben Prinzipien einen fruchtbaren Rahmen für die Bewältigung der aktuellen architektonischen und ökologischen Herausforderungen.
Viele zirkuläre Initiativen entstehen in studentischen Projekten, aber ihre Umsetzung erfordert Wirtschaftsmodelle, Führungsqualitäten und gute Kenntnisse der Vorschriften. Die Integration von Unternehmertum in die Designausbildung ermöglicht den Übergang von der Idee zur Umsetzung. Schulen können diese Dynamik unterstützen, indem sie die Arbeiten der Studierenden mit Gemeinden, Institutionen und der Industrie vernetzen. Solche Partnerschaften verlängern die Lebensdauer der Projekte über das Semester hinaus und zeigen, wie Wiederverwendung in der realen Welt ihren Platz findet.
Einige Ausbildungsgänge stammen übrigens direkt aus der Praxis. Die zunehmende Verbindung zwischen Lehre und Berufspraxis spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie Kreislaufwirtschaft heute in der Schweiz sowohl an Hochschulen als auch in Weiterbildungen gelehrt wird.
Lehre der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz
Außerhalb der akademischen Lehrpläne werden neue berufsorientierte Ausbildungen mit Schwerpunkt auf Wiederverwendung (organisiert von Partnern wie bilBau, Roto, sanu, LPA oder matériuum) in Deutsch, Italienisch und Französisch angeboten und von Cirkla zertifiziert.
An der HEIA-Fribourg wurde das Seminar von Professorin Hanni Buri zum Thema Wiederverwendung kürzlich für seinen innovativen pädagogischen Ansatz mit dem EAAE-Preis ausgezeichnet. Die Studierenden beteiligen sich aktiv an Abbrucharbeiten und Katalogisierungsvorgängen und lernen so durch direkte Erfahrung. An der HES-SO unterstützen Initiativen wie MatLoop und REMCO die Materialforschung und die Entwicklung digitaler Tools für Kreislaufstrategien.
Das Circular Time Lab der HSLU untersucht die zeitliche Dimension von Wiederverwendung und Wartung. An der EPFL habe ich an mehreren Lehrveranstaltungen unter der Leitung von Prof. Corentin Fivet und Prof. Martin Fröhlich mitgewirkt, darunter Module im umgekehrten Unterricht und Workshops zur Wiederverwendung von Bauteilen aus einem ehemaligen Tramdepot in Bern. Im Rahmen des Projekts SWIRCULAR untersuchen Professoren der ZHAW auch die rechtlichen Aspekte der Kreislaufwirtschaft, die in Ausbildungsgänge wie den CAS ETH ReMain integriert sind. Diese Initiativen zeigen, dass die Kreislaufwirtschaft nicht als theoretische Abstraktion behandelt wird, sondern als echte Projektherausforderung, die Logistik, Kosten, Recht und Zusammenarbeit mit Fachkreisen miteinander verbindet.
An der ETH Zürich arbeite ich mit Kollegen aus den Bereichen Architektur, Bauingenieurwesen und anderen Disziplinen im Rahmen von Diplomarbeiten, Projektstudios sowie in regulären Kursen oder CAS/MAS-Ausbildungen zusammen. In einem Projekt mit Professorin Momoyo Kaijima haben die Studierenden beispielsweise Elemente der Huber-Pavillons wiederverwendet, einer Reihe von leichten Holzkonstruktionen aus den 1960er-Jahren, die kürzlich abgebaut wurden.
Ich wurde auch als externer Kritiker zum Studio Reuse von Barbara Buser eingeladen und habe ein Modul zum Thema Wiederverwendung im Rahmen des CAS Regenerative Materials unter der Leitung von Professor Guillaume Habert konzipiert. In einer Lehrveranstaltung unseres Lehrstuhls stellt Dr. Claudio Martani einen Zusammenhang zwischen resilienten Infrastrukturen und unserer Arbeit zum Thema Kreislaufwirtschaft her. Weitere pädagogische Initiativen sind erwähnenswert: Die Seminare von Professorin Silke Langenberg – Keep in Place, Upgrade oder das CAS ReMain – konzentrieren sich auf Reparatur und Konservierung; die Studios des Institute of Design (IEA), wie das von Professor Tom Emerson, befassen sich mit Wiederverwendung, während die von Professor Eli Mosayebi oder Maria Conen die Umgestaltung des Bestehenden untersuchen; Professor Philippe Block und Jacqueline Pauli beschäftigen sich mit kohlenstoffarmen Strukturen und der Wiederverwendung von Materialien; und schliesslich behandeln die Kurse von Professorin Stephanie Hellweg, Professor Ueli Angst und Professor Ingo Burgert die Lebenszyklusanalyse und die Nachhaltigkeit von Materialien.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen ist entscheidend, um die Wiederverwendung in ihrer ganzen Komplexität zu vermitteln. Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen D-BAUG (Bauingenieurwesen, Umweltingenieurwesen und Geomatik) und D-ARCH (Architektur) bei der Renovierung eines Gebäudes auf dem Campus der ETH als Living Lab, das sowohl als reale Fallstudie als auch als Lehrmittel dient.
Mein eigener Kurs, Digital Creativity for Circular Construction, der im Rahmen des D-BAUG angeboten wird, steht allen Studierenden der ETH offen. Jedes Semester nehmen zwischen 30 und 50 Studierende aus den Bereichen Architektur, Bauingenieurwesen, Informatik, Materialwissenschaften, Maschinenbau und anderen Disziplinen daran teil. Der Kurs ist sowohl praxisorientiert als auch interdisziplinär: Die Studierenden nutzen künstliche Intelligenz (KI), Extended Reality (XR), 3D-Scanning (Reality Capture) und digitale Fertigung, um mit wiederverwerteten Materialien zu arbeiten, und kooperieren dabei mit echten Kunden und öffentlichen Institutionen. So erhalten sie ein konkretes Verständnis für die Wiederverwendung in einem realen Kontext.
Wie ein Student sagte: «Wir lernen keine festen Inhalte, sondern Dinge, die für unser Projekt spezifisch sind.» Im Jahr 2025 begannen wir damit, ein Universitätsgebäude zu demontieren und seine Materialien im Hinblick auf ihre Wiederverwendung zu katalogisieren. Diese wurden dann für den Bau von Spielplätzen für die Kunsthalle Zürich und eine Kindertagesstätte in Basel verwendet. Eine Auswahl dieser Materialien wurde auch auf der Architekturbiennale in Venedig präsentiert, wodurch die Studierenden doppelte Anerkennung erhielten: im Alltag wie auch im kulturellen Bereich. Dieser interdisziplinäre, praxisorientierte Ansatz erweist sich als besonders lehrreich. Die Studierenden entwickeln dabei sowohl technische als auch kreative Kompetenzen sowie ein starkes Verantwortungsbewusstsein und Handlungsfähigkeit. Sie lernen, mit rechtlichen, logistischen und wirtschaftlichen Herausforderungen umzugehen und wiederverwertete Materialien nicht als Abfall, sondern als Ressourcen zu betrachten.
Vielfalt statt Einheitlichkeit
Die Schweiz bietet eine breite Palette von Ansätzen für die Vermittlung von Kreislaufwirtschaft, darunter Projektstudios, Zertifizierungen, digitale Module, Kurse zum Kulturerbe oder zur Lebenszyklusanalyse. Auch wenn die Formate variieren, könnte eine nationale Koordination sicherstellen, dass alle Absolventen eine Grundkultur der Wiederverwendung erwerben, wobei regionale und fachspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden.
Unter den Grundsätzen, die meiner Vision vom zirkulären Bauen zugrunde liegen, nimmt die Zusammenarbeit einen zentralen Platz ein – daher auch der Titel meines bei DETAIL erschienenen Buches: The Art of Connecting: The Reuse of the Huber Pavilions (2025). Es geht nicht darum, in jedem Kurs das Rad neu zu erfinden, sondern Verbindungen zwischen Institutionen, Lehrenden, Praktikern und Studierenden herzustellen, damit pädagogische Fortschritte den gesamten Sektor bereichern können. Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft stehen im Mittelpunkt der Zukunft der Branche.
Die Lehre muss zeigen, wie Abfall reduziert und die Lebensdauer von Materialien verlängert werden kann. Konkrete, interdisziplinäre und institutionsübergreifende Arbeiten ermöglichen es den Studierenden, Kreislaufstrategien in realen Situationen zu testen und die notwendigen Reflexe zu entwickeln, um sie nachhaltig anzuwenden.
Zirkularität wird dann wirklich transformativ, wenn die Studierenden darin geschult werden, etablierte Normen in Frage zu stellen, und wenn sie dank Zusammenarbeit die Werkzeuge an die Hand bekommen, um ihre Ideen in konkrete Lösungen umzusetzen. Der Weg dorthin ist klar: Zirkularität als Grundkompetenz integrieren, Experimente in den Schulen fördern, die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen stärken und die Ausbildung mit den Realitäten vor Ort verknüpfen.
Der nächste Schritt ist eine systemische Integration: Es muss dafür gesorgt werden, dass die Schulen ihren Unterricht an den realen Bedingungen ausrichten, dauerhafte Partnerschaften aufbauen, bereichsübergreifende Ansätze fördern und praktisches Lernen mit digitalen Tools verbinden. Zirkularität darf nicht länger als optionale Kuriosität betrachtet werden, sondern als strukturelle Neudefinition der Architektur- und Ingenieurskultur – als Transformation unserer Art, die Welt zu gestalten, zu bauen und zu bewohnen.