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«Man muss den Wert des "Alten" vermitteln können»
«Man muss den Wert des "Alten" vermitteln können»
Andri Gerber, Co-Leiter des Instituts Konstruktives Entwerfen an der ZHAW, im Gespräch über das neue CAS «Bauen im Bestand»
Nachhaltiges Bauen beginnt beim Bestand: Wer Ressourcen schonen und Grauenergie erhalten will, braucht ein tiefes Verständnis für die Besonderheiten bestehender Gebäude und die oft widersprüchlichen Anforderungen aus Denkmalpflege, Konstruktion, Ökonomie und Energie. Gleichzeitig fordert die Klimakrise neue Wege im Entwerfen und Konstruieren - praxisnah, fundiert und über bestehende Normen hinaus.
Das neue CAS Weiterbauen im Bestand wurde erst gerade lanciert, eine erste Durchführung startet im September 2026.
Welche Herausforderungen oder neuen Kompetenzanforderungen haben aus deiner Sicht die Entwicklung genau dieses CAS notwendig gemacht?
Der Bestand ist eine wichtige Ressource, wenn es darum geht, Emissionen zu minimieren, Energie zu sparen und Abfall zu vermeiden. Der Bestand hat auch einen grossen baukulturellen Wert, der uns als Gesellschaft prägt. In den letzten Jahrzenten lag der Fokus auf Ersatzneubauten, was in den meisten Fällen einem Verlust grosser materieller, sozialer und baukultureller Ressourcen gleichkommt. Wir müssen den Umgang mit dem Bestand, das Weiterbauen, erst wieder erlernen.
Die Schwierigkeit beim Bauen im Bestand liegt einerseits darin, dass jedes Gebäude anders ist und wir keine Rezepte im Umgang damit haben, andererseits, dass die Interessen und Perspektiven – sei es unter dem Gesichtspunkt der Energie, Ökonomie oder Denkmalpflege – sehr unterschiedlich und oft auch konflikthaft sind.
Wir brauchen neue Bestandesspezialist:innen, die souverän mit diesen Herausforderungen umgehen – und genau hier setzt das neue CAS an.
Franziska Egloff : Inwiefern wird das Weiterbauen im Bestand angesichts von Klimakrise und Ressourcenknappheit zu einem zentralen Ansatz für die zukünftige Entwicklung des Bauwesens?
Andri Gerber : Die Baubranche ist für 30 Prozent der CO2-Emmissionen verantwortlich. Den Bestand und die darin gebundene Energie in die Zukunft zu bringen, ist einer der grössten Hebel in der Klimakrise. Doch nicht jedes Gebäude kann umgebaut werden. Es braucht das Wissen, um eine Einschätzung des Potenzials gewinnen zu können – aus verschiedenen Blickwinkeln.
Wo siehst du aktuell die grössten systemischen Hürden für einen Paradigmenwechsel weg vom Neubau?
Abreissen und neu Bauen bleiben bis heute das gewohnte Vorgehen. Es scheint einfacher und wird oft aus ökonomischen Gründen bevorzugt. Es braucht Argumente und Wissen über die Vorteile und Auswirkungen, um dieses System zu hinterfragen und Alternativen bieten zu können.
Was sind dabei Anforderungen an Architekt:innen und Architekten aber auch an unsere Gesellschaft/Politik im Allgemeinen?
Zum einen muss ein Umdenken stattfinden. Wir müssen uns von der «Alles-neu-ist-besser-Ideologie» verabschieden und zu einer neuen Wertschätzung gelangen. Dabei geht es auch darum, den Wert den Alltäglichen, nicht perfekten und bewährten «Alten» zu erkennen. Zum anderen muss man in der Lage sein, diesen Wert auch vermitteln zu können.
Gibt es Spannungsfelder zwischen kulturellem Erhalt und technischen/ökonomischen Anforderungen?
Ja, der Erhalt und das Bauen im Bestand bewegen sich stets in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen, die sich teilweise widersprechen oder konkurrieren. Kulturelle und historische Werte eines Gebäudes treffen dabei auf technische Normen, energetische Anforderungen, wirtschaftliche Überlegungen und funktionale Bedürfnisse.
Daher gibt es selten die eine ideale Lösung. Stattdessen stehen meist mehrere Optionen zur Wahl, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Entscheidend ist das Verständnis darum sowie ein sorgfältiges Abwägen der Bedürfnisse, Interessen und Anforderungen. Nur so kann ein Gesamtergebnis erzielt werden, das sowohl dem Bestand als auch den Anforderungen gerecht wird.
Welche typischen Kompetenzlücken erlebst du in der Praxis und wie adressiert diese das CAS?
Im Sinne eines generalistischen Ansatzes geht es darum, den Bestand und die Ansprüche daran aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen, zu verstehen und daraus Strategien für dessen Transformation zu gewinnen. Dieses Verständnis muss vermittelbar sein. Vor diesem Hintergrund fehlen oft die kommunikativen Kompetenzen. Auch hier möchten wir mit dem neuen CAS ansetzen und Unterstützung bieten.
Was macht das CAS einzigartig?
Das CAS zeichnet sich – ganz im Sinne der ZHAW – durch seine konsequente Anwendungsorientierung aus. Die vermittelten Inhalte sind so gestaltet, dass die Teilnehmenden das erworbene Wissen unmittelbar in ihrer beruflichen Praxis einsetzen können.
Hervorzuheben ist zudem die interdisziplinäre Zusammensetzung des Dozierendenteams: Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen bringen ihre Perspektiven ein und begleiten die Teilnehmenden auf ihrem Weg zu ausgewiesenen Bestandesspezialist:innen. Dadurch entsteht ein praxisnahes, vielfältiges und fachlich breites Lernumfeld, das den komplexen Anforderungen des Bestandsbauens gerecht wird.
Wie ist das CAS «Weiterbauen im Bestand» innerhalb des Weiterbildungsangebots deines Institutes positioniert? (Einbettung CAS in die anderen Angebote)
Die bestehenden CAS unseres Instituts Konstruktives Entwerfen decken bereits zentrale Themen wie nachhaltige Baukultur oder Organisation und Management von Planungs- und Bauprozessen ab. Ergänzend dazu erweitert das CAS «Weiterbauen im Bestand» das Weiterbildungsangebot um einen spezifischen Fokus auf den Umgang mit bestehenden Gebäuden – von nachhaltiger Planung bis zu konstruktiven Strategien im Bestand. Damit schliesst das CAS eine wichtige Lücke innerhalb unseres Angebots und schafft eine inhaltliche Verbindung zwischen nachhaltiger Baukultur und praxisorientiertem Baumanagement. Ein darauf aufbauender MAS ist derzeit in Planung.
Welche Kernkompetenzen sollen die Teilnehmenden am Ende beherrschen?
Unser Ziel ist es, dass die Absolvent:innen des CAS über das notwendige Fachwissen verfügen, um im Umgang mit dem Bestand situationsgerecht und fundiert entscheiden zu können. Dazu vermitteln wir zentrale Kompetenzen, die für das Weiterbauen im Bestand unerlässlich sind. Dazu gehören die Bestandeserfassung, mit der der bauliche und historische Zustand eines Gebäudes fachgerecht analysiert wird, ebenso wie unterschiedliche Umbaustrategien, die verschiedene planerische und konstruktive Ansätze aufzeigen. Ergänzend vermitteln wir Grundkenntnisse der Denkmalpflege, um den Wert und die Schutzinteressen historischer Substanz zu verstehen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem disziplinenübergreifenden Arbeiten, das unterschiedliche Fachperspektiven integriert, sowie auf handwerklichen Ansätzen, die praxisnahe Lösungen fördern und ein vertieftes Verständnis für Materialität und Konstruktion ermöglichen.
Was ist aus deiner Sicht ein besonderes Highlight des CAS Weiterbauen im Bestand?
Besonders spannend sind die vielen Best Practice Beispiele. Zudem freue ich mich schon sehr auf die Exkursionen mit den Teilnehmenden. Ein weiteres Highlight ist natürlich die Halle 180, wo der Unterricht stattfindet – ein tolles und frühes Beispiel von Bauen im Bestand.
Andri Gerber
Andri Gerber ist Architekt und hat an der ETH Zürich studiert, wo er auch promovierte – ausgezeichnet mit der ETH-Medaille – und sich im Rahmen eines SNF Ambizione Stipendiums habilitierte. Heute ist er Co-Leiter des Instituts Konstruktives Entwerfen und verantwortet eine Reihe von Forschungsprojekten, insbesondere im Bereich des zirkulären Bauens.
Franziska Egloff
Franziska Egloff ist Koordinatorin Lehre und Weiterbildung am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen an der ZHAW.
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