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Die Stadt ohne Zeit
Die Stadt ohne Zeit
In der Planungsphase des neuen Stadtteils erhielt der Ort einen neuen Namen: Aus «Manegg» wurde «Greencity». Dieser repräsentiert nicht nur die beabsichtigte künftige Wirkung, sondern offenbart auch den Bruch mit der Vergangenheit.
In den kommenden Wochen stellen wir auf espazium fünf ausgewählte Architekturkritiken der Studierenden des MAS GTA ETH vor. Sie beschäftigen sich mit der Greencity und wie Steuern dort die gebaute Umwelt prägen. Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Text: Bernhard Geiger
An einem späten Freitagnachmittag im September; Sihltal, Manegg, 5 km südlich des Zürcher Hauptbahnhofs. Langsamer Schritt, Klopfen der Schuhe auf gepflastertem Boden. Leise dringen vereinzelte Stimmen durch die dünne Herbstluft – ein Kontrast zur kühlen Stille des gewaltigen Geländes. Die rechtwinklige Ordnung breiter Strassen ist durchsetzt von gleichförmigen, riesenhaft wirkenden Bauten mit jungen, langgestreckten Rasterfassaden. Irgendwo in dieser stillen Masse öffnet sich ein Platz. Zu drei Seiten ist er flankiert von Gebäuden, die vierte Seite ist unbebaut. Blick in flaches Hügelland, das abgetrennt durch Gleise unerreichbar scheint. Die Sonne steht tief. Die Stühle des Cafés bleiben unbesetzt und die wenigen Menschen auf dem Platz verbergen sich im Dickicht des Erlenhains, der stumm dessen Mitte belegt.
Referenzen neben Relikten der Vergangenheit
Ein stilles, titanisches Stadtfragment ist im letzten Jahrzehnt anstelle einer alten Papierfabrik entstanden. Seine Stimmung jedoch wurde schon vor mehr als einem halben Jahrhundert konstruiert: in der Lehre Aldo Rossis. Er kam 1972 als Gastdozent an die ETH Zürich - zwei der an der Greencity beteiligten Architekten (Peter Märkli und Roger Diener) studierten bei ihm. Peter Märkli erinnert sich, dass Rossi zu der Zeit auf ein akademisches «Vakuum»[1] stiess. Er füllte dieses Vakuum mit städtischer Melancholie. Durch seine Schüler und die Schüler seiner Schüler (Adrian Streich) trug sich diese Melancholie bis ins Herz der Manegg. Giorgio de Chirico malte vor 111 Jahren eine Piazza,[2] die an den zentralen Platz der Manegg erinnert. Sie ist flankiert von zwei riesenhaften Gebäuden. Die Fassaden der beiden Bauten sind enigmatisch, annähernd gleich. Auf dem Platz stehen nur zwei Gestalten. Es muss still sein. Das Zentrum des Platzes belegt eine grosse Statue – in der Greencity ist es der Erlenhain. Die Sonne steht tief. Weit im Hintergrund schneiden Gleise die Stadt vom umliegenden Hügelland ab. Ein riesiger, fabrikloser Kamin ragt weit in den grünen Himmel. Industriefragment und Stadthäuser stehen einander misstrauisch gegenüber als unvereinbare Relikte verschiedener Zeiten. Im Nebeneinander der Zeiten aber gerinnt die Chronologie zum Stillstand. Der Dampf der fernen Lokomotive steigt vertikal auf, als würde sie stillstehen. Die verlorene Zeit de Chiricos öffnet den Raum für Melancholie, erinnert an die Architektur Aldo Rossis[3] und erklärt letztlich auch die melancholische Leere der Manegg. Die Manegg ist heute eine Stadt ohne Zeit.
Leere Hülle
Als man die Papierfabrik dem Erdboden gleichmachte, nahm man dem Ort seinen mittelalterlichen Namen und erlegte ihm ungefragt einen neuen auf. Um den alten Industriespuk zu bannen und stattdessen die jungen Geister des Nachhaltigen und Urbanen heraufzubeschwören, wurde er – noch vor dem Bau der Häuser – «Greencity» getauft. Diese Suche nach einer neuen Identität offenbart den fehlenden Bezug des Orts zu seiner eigenen Vergangenheit. Er heisst nicht mehr nach dem, was er war, sondern er soll sein, wie er geheissen wurde: Wesen und Zeichen wurden in ihren Rollen vertauscht. Die Greencity hat sich nicht zur Stadt entwickelt, sie wurde mit planungsrechtlichen Mitteln zur Stadt bestimmt. Von der historischen Bebauungsstruktur ist heute nichts mehr zu spüren. Erhalten als «geschichtlicher Zeuge»[4] blieb allein die objekthaft ausgestellte Fassade der alten Spinnerei – fragmentarisches, kontextloses Monument einer nicht mehr greifbaren Vergangenheit am menschenleeren, erlenbestandenen Platz. Gleich de Chiricos Schornstein steht sie ihren Nachbarn hohl und unversöhnlich gegenüber. Das vom Äusseren entkoppelte Innere lässt sie leer wirken. Die Unvereinbarkeit stillstehender Zeiten giesst Leere in das ganze Quartier.
Bernhard Geiger ist Architekt in Basel und absolviert derzeit den MAS GTA ETH im 3. Semester. Er studierte an der TU München und an der Accademia di architettura di Mendrisio, wo er ein starkes – theoretisches und praktisches – Interesse an der Phänomenologie des Raums entwickelte.
[1] Zitiert nach Philip Ursprung, «Die Rückkehr des Realen. Rossi und Herzog & de Meuron», in: Aldo Rossi und die Schweiz. Architektonische Wechselwirkungen, hg. von Ákos Moravánszky und Judith Hopfengärtner, Zürich: gta Verlag 2011, S. 199.
[2] Giorgio de Chirico, Piazza, Öl auf Leinwand, 1913. Museo Nacional de Bellas Artes, Buenos Aires, Inv.-Nr. 7227.
[3] Vgl. Seixas Lopes, Melancholy and Architecture, Zürich: Park Books 2015, S. 186.
[4] «Kooperative Entwicklungsplanung Manegg, Zürich-Wollishofen, Grundsätze für die Gebietsentwicklung».