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Architektur und die berufliche Ironie des Klimakollapses
Architektur und die berufliche Ironie des Klimakollapses
Zwischen beruflicher Unsicherheit, pädagogischer Verleugnung und Kommerzialisierung der Klimakatastrophe fordert dieser Text eine Neugestaltung unserer Praktiken: Weniger zu bauen, um zu lernen, mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen.
Ein Artikel von:
Dr. Harriet HARRISS (ARB, RIBA, (Assoc.) AIA, PFHEA, Ph.D) (ARB, RIBA, (Assoc.) AIA, PFHEA, Ph.D) ist Autorin, Architektin und Professorin am Pratt Institute, School of Architecture in New York
Roberta MARCACCIO ist Forschungs- und Kommunikationsberaterin, Herausgeberin und Pädagogin mit Schwerpunkt auf alternativen Formen der Designpädagogik
➔ En français : Repenser l'éthique du projet architectural à l’ère de la mort et l'effondrement climatique
➔ In Italiano : Ripensare l'etica del progetto architettonico nell'era climatica
Angesichts der sich verschärfenden Klimakrise durchläuft der Beruf des Architekten, der Architektin einen Paradigmenwechsel: vom Entwerfen für die Ewigkeit hin zum Antizipieren von Vergänglichkeit, Vertreibung, Katastrophen und Tod. Diese Verschiebung hin zu einer Architektur des Verschwindens oder der Verräumlichung der Trauer offenbart ein Paradoxon der Disziplin: Eine Praxis, die dazu ausgebildet ist, Leben zu erhalten, sieht sich nun mit der Gestaltung ihres Endes konfrontiert.1
Von feuerfesten Zufluchtsorten über Hochwasserdenkmäler und klimafreundliche Friedhöfe bis hin zu Archiven des Aussterbens – die gebaute Umwelt wird zum Schauplatz einer globalen Trauer.2
Dieser Wandel fällt mit einer strukturellen Prekarität des Berufsstands [in den USA, Anm. d. Red.] zusammen: Unterbeschäftigung, chronische Instabilität und Löhne, die unter denen unqualifizierter Tätigkeiten liegen. Kaum 10 % der amerikanischen Architektinnen und Architekten verdienen mehr als 22 Dollar pro Stunde.
Vor diesem Hintergrund nehmen die mit dem Zusammenbruch verbundenen «Marktchancen» eine ironische Wendung: Die Aufträge zielen nicht mehr darauf ab, wünschenswerte Zukunftsvisionen zu entwerfen, sondern Verlust, Erinnerung und Niedergang zu bewältigen.
Den Tod in die Stadtgestaltung integrieren
Die Vorbereitung auf den Tod als bürgerliche Pflicht, die eine bewusste Einbeziehung der Themen Sterblichkeit und Tod in die Stadtplanung und Architekturpraxis erfordert, ist eine wichtige Erkenntnis, die sowohl in der Lehre als auch in der beruflichen Praxis oft vernachlässigt wird.
Die Länder des Nordens haben noch das Privileg, diese Dimension proaktiv als einen Akt der Vorsorge anzugehen. Anderswo, im Süden, erfolgt diese Integration aus der Not heraus. In Karatschi, Pakistan, starben 2015 innerhalb weniger Tage mehr als 1'200 Menschen an den Folgen einer extremen Hitzewelle. Die lokalen Behörden ordneten daraufhin die Vorbereitung von Massengräbern an.4
Angesichts solcher Ereignisse wird Architektur reaktiv 5, improvisiert – und offenbart damit ein tieferes Versagen der Disziplin: Wir entwerfen für Lebensstile, nicht für Lebenszyklen; für Wachstum, nicht für Verschwinden; für Konsum, nicht für Zersetzung.6 Was wäre, wenn die Verräumlichung der Trauer – sei es in Bezug auf Arten, Systeme oder Territorien – zu einem zentralen Thema unserer Disziplin würde?
Dann ginge es darum, Räume zu entwerfen, die Verluste auffangen, Ruinen verwandeln und eine Ethik der Trauer und der Wiedergutmachung zum Ausdruck bringen können.7 Architektinnen und Architekten müssten darin geschult werden, zu bauen, zu dekonstruieren, Zeugnis abzulegen und mit dem Bewusstsein unserer gemeinsamen Endlichkeit und im Sinne der ökologischen Gerechtigkeit zu entwerfen.
Pädagogik, die abgeschafft werden muss
Architekturschulen rühmen sich oft damit, Resilienz, Anpassungsfähigkeit und ökologisches Bewusstsein zu vermitteln. Doch der Tod – sei er ökologischer, infrastruktureller oder körperlicher Natur – bleibt ein Randthema, das auf wenige spezialisierte Studios oder spekulative Projekte beschränkt ist.
Dieses Schweigen ist nicht harmlos. Es zeugt von einem anhaltenden Unbehagen gegenüber der Sterblichkeit, das unsere Fähigkeit schwächt, in einer Welt, die sich im Zusammenbruch befindet, verantwortungsbewusst zu planen. Wenn wir davon ausgehen, dass Architektur die Lebensbedingungen prägt, dann müssen wir auch anerkennen, dass sie die Bedingungen des Todes prägt.
In einer Zeit, in der das Klima aus den Fugen gerät und Infrastrukturen zusammenbrechen, ist der Tod kein abstraktes Ende mehr, sondern eine alltägliche Realität, die von Politik, Planung und Design geprägt ist.8 Von Todesfällen aufgrund von Hitzewellen bis hin zum Verlust angestammter Gebiete, die vom steigenden Meeresspiegel verschlungen werden, ist die gebaute Umwelt Teil von Systemen, die darüber entscheiden, wer lebt und wer stirbt.9
Dies zu ignorieren bedeutet, unsere ethische Verantwortung aufzugeben und Bildungsmodelle fortzuführen, die den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft nicht gewachsen sind.10
Architekturen der Trauer entwerfen
Die Herausforderung ist also klar: Die Post-Mortem-Architektur – nicht nur für Menschen, sondern für alle vom anthropogenen Klimawandel betroffenen Lebensformen – muss zu einem zentralen Thema der Ausbildung und des Fachdiskurses werden. Es geht nicht darum, einer morbiden oder dystopischen Faszination nachzugeben, sondern den ethischen, räumlichen und materiellen Anforderungen der Endlichkeit gerecht zu werden und würdige Übergänge in die Zeit nach dem Anthropozän zu ermöglichen.
Ob adaptive Friedhöfe, Gedenkstätten für verschiedene Spezies, biologisch abbaubare Strukturen oder vorausschauende Infrastrukturen – die räumliche Gestaltung des Todes muss als legitime und notwendige Typologie anerkannt werden. Andernfalls werden unsere bebauten Umgebungen standardmässig zu Orten der Unvorbereitetheit: namenlose Massengräber, hitzeaufgeheizte Innenräume, vorgefertigte Mausoleen für Lebende und Sterbende.
Das Bingo der hohlen Reden über Architektur in Zeiten der Klimakrise
Ein kritisches Instrument – das man mit einem Hauch von Ironie als «Bingo der hohlen Reden über Klimarchitektur» bezeichnen könnte – ermöglicht es, zu beurteilen, ob die Narrative rund um die angeblich «resiliente» oder «nachhaltige» Architektur auf fundierten Spekulationen oder unbegründeten Gewissheiten beruhen.
Das Prinzip ist einfach: Man muss nur ein paar grosse Architekturzeitschriften durchblättern oder an den Abschlussprüfungen einer Architekturschule teilnehmen, um die Wiederholung bekannter Schlagworte – Netto-Null-Emissionen, Resilienz, regeneratives Design – zu beobachten, die oft ohne strenge Begründung verwendet werden.
Visionäre Vorstellungen sind zwar ein fester Bestandteil des architektonischen Diskurses, doch besteht hier die Gefahr, in eine Art magisches Denken zu verfallen: den Glauben, dass eine wirklich ökologische Architektur ohne Berücksichtigung empirischer Zwänge und systemischer Trägheit realisierbar sei.11
Dieses «Bingo» soll verdeutlichen, dass es unmöglich ist, zu behaupten, dass ein Gebäude während seines gesamten Lebenszyklus keine Auswirkungen auf die Umwelt hat. So ist beispielsweise der in Baumaterialien (Beton, Stahl, Glas) enthaltene Kohlenstoff nur sehr schwer zu kompensieren.
Erneuerbare Energiesysteme (Photovoltaik usw.) basieren wiederum auf ökologisch zerstörerischen Förderverfahren, die bereits bei ihrer Herstellung einen erheblichen CO2-Fussabdruck hinterlassen. Darüber hinaus lassen Berechnungen zur «CO2-Neutralität» oft wesentliche Schritte wie den Bau, die Instandhaltung, den Abriss und den Ersatz von Gebäuden außer Acht.
➔ Verwandtes Thema: Jenseits der Architektur: Dekonstruktion des Berufs, der den Planeten zerstört
Ebenso verschweigen sogenannte «geschlossene Kreislaufgebäude» oder «vollständig zirkuläre Gebäude», die angeblich keinen Abfall produzieren und keine neuen Ressourcen verbrauchen, dass der Verschleiss von Materialien im Lauf der Zeit neue Zugaben erfordert und dass Recyclingprozesse Energie verbrauchen und gleichzeitig die Qualität der Materialien mindern.
Kurz gesagt, vollständige Kreislaufwirtschaft leugnet Entropie, Verschleiss und soziotechnische Obsoleszenz. Keine Architektur, wie «grün», «passiv», «resilient», «biophil» oder «intelligent» sie auch sein mag, kann den Klimakollaps aufhalten. Man könnte noch lange damit fortfahren, diese Konzepte zu dekonstruieren, aber das würde den Leser:innen den Spass nehmen, dies selbst zu tun.
Was dieses Bingo-Raster offenbart, ist weniger Gelächter als vielmehr Unbehagen: das Unbehagen darüber, wie wenig wir verstehen, wie falsch unsere Prioritäten gesetzt sind und warum wir arrogant, selbstgefällig und schlecht informiert wirken – als wenig glaubwürdige Zeugen in der Öffentlichkeit, wenn es um Fragen des ökologischen Zusammenbruchs geht.
Selbst der Begriff «Stadtwald» ist ein irreführender Oxymoron, der die ökologische Bedeutung von Wäldern verwässert: riesige, artenreiche, natürlich kohlenstoffreiche und relativ intakte Ökosysteme.12 Seine Anwendung auf begrünte, reduzierte, intensiv bebaute Fragmente zeigt, wie anfällig Architekten und Architektinnen für die Auswirkungen von Greenwashing sind, und wie sehr dieser Neologismus die Dringlichkeit des Schutzes noch existierender Naturwälder verschleiert.13
Extraktive Trauer: weisse Hegemonie, Kolonialismus und Massensterben nichtmenschlicher Welten
Architekturschulen und -büros setzen sich selten mit der Wiedergutmachungsverantwortung auseinander, die wir gegenüber kolonialisierten Völkern, versklavten Bevölkerungsgruppen und ausgebeuteten menschlichen und nicht-menschlichen Spezies haben, für die die Auswirkungen des ökologischen Traumas nie aufgehört haben.
Der indigene Umweltphilosoph Kyle Powys Whyte erinnert daran, dass «Kolonialismus eine Form der Umweltungerechtigkeit ist», und betont, dass indigene Gemeinschaften seit langem mit den Folgen von Systemen leben, die sowohl menschliches als auch nicht-menschliches Leben für extraktive Zwecke ausbeuten.
Dieser Schaden ist nicht abstrakt: Er besteht aus Kreisläufen der Unhaltbarkeit – oder Nicht-Nachhaltigkeit –, in denen das Aussterben von Arten, die Zerstörung von Ökosystemen und der Bruch mit den Verbindungen zu den Vorfahren einen Raum der anhaltenden Trauer schaffen.14 Diese Trauer ist nicht nur emotional, sondern strukturell, kontinuierlich und in den Gebieten verankert – abgeholzte Wälder, vergiftete Flüsse, zerstörte Lebensräume.
Diese Landschaften werden zu verstreuten Nekropolen, Orten der Erinnerung und des ökologischen Todes. Die politische Aktivistin Naomi Klein bezeichnet dieses Phänomen als «extraktive Mentalität»: eine Weltanschauung, in der Land, Arbeit und Leben als leblose Ressourcen betrachtet werden, die zu Gewinnzwecken ausgebeutet werden können. «Die extraktive Logik, die seit so langer Zeit die [westlichen] Beziehungen zur Erde strukturiert», schreibt sie, «bestimmt auch die Beziehungen zwischen den Menschen.»15
Diese Logik wird durch die systemische weisse Hegemonie untermauert, nicht nur als rassische Identität, sondern als totalisierende Epistemologie und Kontrolltechnologie – eine kolonial-kapitalistische Matrix, die das Massensterben denkbar, ja sogar normal macht. Die strukturelle Komplizenschaft bei der ökologischen Zerstörung lässt sich nicht auf Einzelpersonen reduzieren: Sie ist in Machtarchitekturen verankert, die definieren, wer – und was – Trauer verdient.
Judith Butler erinnert uns daran, dass Trauer immer politisch ist: Was wir betrauern und was nicht, offenbart eine zutiefst rassistische Wertung. Wenn ganze Arten ohne Zeremonie verschwinden, wenn Biome ohne Grabrede zusammenbrechen, drängt sich eine Frage auf: Welche Lebensformen wurden unter den Regimes des extraktiven weissen Kapitalismus für unwürdig erklärt, betrauert zu werden?16
Die Bewältigung der Klimakrise erfordert daher weit mehr als technologische Innovationen oder politische Reformen. Sie setzt eine radikale Infragestellung der rassistischen, kolonialen und nekropolitischen Grundlagen des ökologischen Zusammenbruchs voraus. Sie bedeutet, Trauer zuzulassen und sie zu einem gemeinsamen Raum zu machen – nicht nur für verlorene Menschenleben, sondern auch für die massive Auslöschung «übermenschlicher» Welten, die im Namen des «Fortschritts» vernichtet wurden.
Ein beruflicher Werdegang, von dem Ihnen niemand erzählt hat
Seit mehreren Jahrzehnten bemühen sich engagierte und oft autodidaktische Architekturlehrende in gutem Glauben darum, die Terminologien und Denkrahmen, die oben als hochtrabende Phrasen kritisiert wurden, in den Lehrplan zu integrieren – und das mit wenig oder gar keiner Unterstützung durch die Berufsverbände, deren Konservativismus seit langem jede substanzielle Reform verhindert hat. 17
Doch trotz dieser pädagogischen Bemühungen übersteigt das Tempo der ökologischen Zerstörung – belegt durch immer alarmierendere Klimadaten und das Überschreiten kritischer Umweltgrenzwerte – bei weitem das Tempo der curricularen und beruflichen Veränderungen.18, 19 Das Problem liegt nicht nur darin, dass die in Architekturprojekten formulierten Umweltziele technologisch oder politisch unerreichbar sind, sondern dass die Möglichkeit, sie zu erreichen, möglicherweise bereits verloren ist. In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, dass utopische Narrative im Design nicht als Inspirationsquelle dienen, sondern in Obsoleszenz versinken.
Doch während sich die Klimakrise verschärft, stösst die Architekturausbildung auf ein neues Paradigma: nicht nur für Resilienz oder Lebensraum zu entwerfen, sondern auch für Verschwinden und Tod. Dieses neue Feld – das wir als «Post-Mortem-Architektur» bezeichnen – lädt Studierende dazu ein, die gebaute Umwelt als einen Raum der Trauer, des Aussterbens und des kontrollierten Zusammenbruchs zu betrachten.
Auf beruflicher Ebene offenbart dieser Wandel eine bittere Ironie: Historisch gesehen hat sich die Architektur einer Ästhetik der Beständigkeit verschrieben. Nun muss sie sich ihrer eigenen Obsoleszenz stellen. Architektur besteht daher nicht mehr so sehr darin, zu bauen, sondern vielmehr darin, den Niedergang zu begleiten, den Verlust zu dokumentieren und sich um das zu kümmern, was übrig bleibt.
Indem sie sich dafür entscheidet, sich mit der Realität eines Niedergangs vieler Arten auseinanderzusetzen, anstatt ihn zu leugnen, könnte die Disziplin eine bescheidenere und reparative Rolle übernehmen: dazu beizutragen, ein lebendiges statt eines sterbenden Post-Anthropozän zu gestalten. Was zu Ende geht, ist nicht «die Natur» selbst, die schon immer Zyklen von Leben, Tod und Regeneration durchlaufen hat, sondern die extraktiven Systeme – insbesondere die kapitalistische Expansion –, die uns in diese Sackgasse geführt haben.
Architekt:innen können unter anderem dazu beitragen, diesen Systemen das Ende zu bereiten, das sie verdienen. Dies würde anderen Ansätzen – nüchterneren, kollaborativeren, artenübergreifenden – den Weg ebnen, die auf dem gemeinsamen Überleben und dem Bewusstsein ökologischer Wechselbeziehungen beruhen.
Während der Neoliberalismus den Berufsstand fragmentiert und seine wirtschaftliche Lebensfähigkeit gefährdet, werden paradoxerweise immer mehr Architekt:innen in den Dienst der Klimakatastrophe treten: Sie werden feuerfeste Notunterkünfte, hochwassergeschützte Kultstätten oder Archive zum Thema Aussterben entwerfen. Die Art und Weise, wie wir diese Aufgaben angehen, wird entscheidend sein. Die folgenden Szenarien bieten Studierenden und Praktikern einige konzeptionelle und praktische Werkzeuge, um diesen sich überschneidenden Krisen zu begegnen.
1 Klimafreundliche Friedhöfe: Entwürfe für die Vergänglichkeit
Mit der Verschärfung des Klimawandels werden traditionelle Bestattungsformen zunehmend unhaltbar – insbesondere in Gebieten, die von steigenden Meeresspiegeln, Küstenerosion oder dem Auftauen des Permafrostbodens betroffen sind. Diese Umweltveränderungen gefährden sowohl die physische Stabilität als auch die kulturelle Kontinuität von Bestattungslandschaften.
Angesichts dieser Herausforderungen muss bei der Gestaltung klimafreundlicher Friedhöfe die Vergänglichkeit zu einem Grundprinzip werden, wobei Flexibilität, Endlichkeit und ökologische Integration Vorrang vor Abgrenzung und formaler Beständigkeit haben sollten. Die Friedhöfe der Zukunft könnten daher die Form von biologisch abbaubaren Grabkapseln in Feuchtgebieten, von schwimmenden, auf die Gezeiten reagierenden Gedenkgärten oder von vergänglichen Hybriden aus digitalen und physischen Elementen annehmen, die die Weitergabe der Erinnerung ermöglichen und gleichzeitig der Erde Zeit zur Regeneration geben.
Diese Massnahmen müssen sich an veränderte hydrologische Dynamiken anpassen und lokale Trauerpraktiken berücksichtigen, indem sie Infrastrukturen schaffen, die auf globale Instabilitäten reagieren und gleichzeitig die Toten ehren. Durch die Kombination von Umweltprognosen, einem kulturell sensiblen Ansatz und regenerativen territorialen Praktiken könnten klimafreundliche Friedhöfe ein neues Paradigma der Erinnerung einläuten, das respektvoll, widerstandsfähig und vergänglich zugleich ist.
2 Archive des Aussterbens: Bewahren, was verschwindet
Archive des Aussterbens sind eine Geste der Erinnerung in einer Welt ohne Zeugen – ein fragiles Geschenk an die Zukunft, auch wenn diejenigen, die Zugang dazu haben werden, nicht unbedingt Menschen sind. Im Gegensatz zu herkömmlichen Archiven, die auf der Idee der Beständigkeit beruhen, akzeptieren diese Archive die Vergänglichkeit sowohl als Bedingung als auch als Ethik. Jede bedrohte Einheit – sei es ein zerfallendes Korallenriff, die letzten Überreste eines Dialekts oder ein Ritual, das mit dem Abschmelzen der Gletscher verbunden ist – wird als einzigartiger Auftrag behandelt, der eine massgeschneiderte räumliche, materielle und symbolische Antwort erfordert.
Ein Archiv für eine vom Aussterben bedrohte Bienenart könnte beispielsweise in Form von biologisch abbaubaren Pollenbehältern entstehen, die in renaturierte Landschaften eingebettet sind; ein anderes, das dem Wissen über Gletscher gewidmet ist, könnte sich in schmelzempfindlichen Installationen manifestieren, die sich im Rhythmus des Eises, an das sie erinnern, zersetzen. Diese Vorrichtungen lehnen die Illusion der Nachhaltigkeit ab: Sie betonen das Vergängliche, den Verfall, die Zeitlichkeit der Trauer.
Indem sie den möglichen Zusammenbruch der menschlichen Existenz vorwegnehmen, haben diese Archive auch einen vorübergehenden Nutzen: Sie werden zu öffentlichen Räumen, in denen Studierende eingeladen sind, sich mit den ethischen Dilemmata der Erinnerungsweitergabe in einer Welt im Niedergang auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, zu verewigen, sondern Zeugnis abzulegen, aufzunehmen und loszulassen. Diese Archive sind somit performative Räume, die auf Dringlichkeit, Ritual und Verschwinden beruhen.
3 Das Leichentuch und die Zuflucht: Typologien mit doppelter Funktion
Wo Neubauten unvermeidbar sind, sollten sie als Architekturen mit doppeltem Programm konzipiert werden – nicht nur, um den gegenwärtigen Bedürfnissen gerecht zu werden, sondern auch, um ihrer eigenen Veralterung vorzubeugen. Diese Gebäude drücken eine Form der vorweggenommenen Trauer aus: Sie tragen das Bewusstsein ihrer künftigen Aufgabe oder Umwandlung in sich.
Ein Schutzraum gegen Waldbrände könnte so zu einem Ort der Erinnerung werden; ein hochwasserresistentes Gemeindezentrum könnte so konzipiert werden, dass es zerfällt und wieder zu einer ökologischen Ruine wird – Strukturen, die man bewohnt, obwohl man weiss, dass sie eines Tages versiegelt, überflutet oder von anderen Lebensformen wieder in Besitz genommen werden.
Solche Architekturen müssten materielle Strategien für einen würdigen Verfall beinhalten: zersetzbare Hüllen, biologisch abbaubare Strukturen, Lebensräume, die für das Zusammenleben mit Nicht-Menschen offen sind. Hier ist die Zeitlichkeit kein Versagen des Projekts, sondern eine Grundvoraussetzung: eine Form der Trauer, die in einer gebauten Form materialisiert ist.
4 Ironien des Berufs: Der Architekt als Leichenbestatter des Klimas
Über die beruflichen Folgen des Todes im Kontext des Klimakollapses nachzudenken, bedeutet, sich bewusst gegen die Kommerzialisierung der Krise zu wehren. Während die Designindustrie beginnt, Landschaften des Klimatodes zu integrieren – temporäre Zufluchtsorte für Sterbende, mobile Gedenkstätten für vertriebene Gemeinschaften, temporäre Infrastrukturen für Massenbestattungen –, müssen Architektinnen udn Architekten ein kritisches Bewusstsein für die Widersprüche entwickeln, die mit dem «Entwerfen des Zusammenbruchs» verbunden sind.
Der Berufsstand läuft Gefahr, sich mitschuldig an einer Ästhetisierung der Ruine zu machen, wenn er die ethischen Herausforderungen der Vergänglichkeit nicht berücksichtigt: nicht für Dauerhaftigkeit oder Profit zu entwerfen, sondern für das Vergängliche, die Trauer und die Fürsorge. Die aus der Klimakatastrophe abgeleiteten Märkte dürfen nicht nur aufgrund ihrer formalen oder technischen Vorzüge entwickelt werden, sondern auch danach, wem sie nützen und welchen Zwecken sie dienen: Handelt es sich um Gedenkgesten oder um Instrumente der Spektakularisierung?
In postneoliberalen Berufsvorgaben, in denen Kreativität nicht mehr im Dienste des Wachstums oder der Ausbeutung steht, könnten Architektinnen udn Architekten Praktiken entwickeln, die auf Solidarität, Verweigerung und zeitlicher Demut basieren. Vergänglichkeit würde zu einer generativen Ethik werden: eine Architektur, die schafft, ohne zu besitzen, die handelt, ohne zu verewigen, die trauert, ohne aus dem Verlust Kapital zu schlagen.
Lobeshymne auf die Architektur
Zurück zum Titel dieses Artikels: Es geht nicht nur um den Übergang vom Bau von Zufluchtsorten zum Bau von Leichentüchern, sondern um die Tatsache, dass der Architektenberuf mit der Monumentalisierung seiner eigenen existenziellen Situation konfrontiert ist. Im direktesten Sinne lädt uns die wahre «Ironie des Architektenberufs» dazu ein, um eine Disziplin und einen Beruf zu trauern, die einst in anderen kollektiven Bestrebungen verankert waren. Ein edles Streben, das sich verirrt hat, verführt von der Illusion «nachhaltiger» Materialien und der neuesten grünen Technologien, um seine Sünden zu sühnen.
Während die Erde brennt und der Meeresspiegel steigt, baut die Architektur weiter, stösst weiterhin Kohlenstoff in die Atmosphäre aus und dient weiterhin Systemen, die sie eigentlich abschaffen sollte. Sie behauptet, nützlich zu sein. Sie nennt die Bunker der Milliardäre «Fortschritt». Sie nennt die Mars-Kolonien «Hoffnung». Sie nennt LED-Glühbirnen und freiliegende Leitungen «Erlösung».
Aber was die Architektur nicht tun wollte, war aufzuhören. Vielleicht wäre ihr grösster Akt des Widerstands die Enthaltung: den Bleistift weglegen, die Produktion einstellen, nichts mehr sagen und nichts mehr bauen. Stattdessen klammert sie sich an ein gescheitertes Wachstumsparadigma und verbirgt ihre Mitschuld hinter dem Vokabular der Nachhaltigkeit und Resilienz. Letztendlich verwechselt sie Komplexität mit Weisheit und Handeln mit Sinnhaftigkeit. Sie vergisst, dass man, um gut zu entwerfen, zuerst zuhören muss – der Erde, den Menschen, der Stille nach dem Zusammenbruch.
Dieser Artikel verabschiedet sich nicht von der Idee der Architektur, sondern von dem, was sie geworden ist: dem Spiegelbild eines techno-utopischen Wahns, dem Gerüst einer kapitalistischen Schuld, einer Kraft, die allzu oft auf Zerstörung ausgerichtet ist. Möge das, was danach kommt, ruhiger, bescheidener und in Fürsorge verwurzelt sein. Mögen wir endlich lernen, weniger zu bauen und mehr zu sehen.
«Wenn Sie Ihr ganzes Leben von Anfang bis Ende sehen könnten, würden Sie etwas ändern?»
Zitat von Dr. Louise Banks20
Anmerkungen
- David Gissen, Subnature: Architecture’s Other Environments, New York, Princeton Architectural Press, 2009; siehe auch Brian Dillon, Essayism: On Form, Feeling, and Nonfiction, New York, New York Review Books, 2017
- Petra Hönnighausen, Architektur und Tod: Von den ästhetischen, räumlichen und politischen Dimensionen des Endes, Berlin, Transcript Verlag, 2020
- «The Architecture Salary Poll 2023», Archinect, 2023. https://salaries.archinect.com/; American Institute of Architects (AIA), Compensation Report, 2023. https://www.aia.org/resources/6153083-compensation-report-2023
- «Pakistan Deadly Heatwave», Reuters, 26. Juni 2015
- hazia Hasan, «Extreme Hitze und Todesfälle in Pakistan», Dawn, 9. September 2022
- Peg Rawes, Architectural Ecologies: Politics and Ethics in a Posthuman Era, 2013
- Eyal Weizman, Forensic Architecture: Violence at the Threshold of Detectability, New York, Zone Books, 2017
- Eric Klinenberg, Heat Wave: A Social Autopsy of Disaster in Chicago, Chicago, University of Chicago Press, 2002
- Kyle Powys Whyte, «Indigenous Climate Change Studies: Indigenizing Futures, Decolonizing the Anthropocene», English Language Notes, Bd. 55, 2017, S. 153–162
- Amitav Ghosh, The Great Derangement: Climate Change and the Unthinkable, Chicago, University of Chicago Press, 2016
- Simon Guy und Graham Farmer, «Reinterpreting Sustainable Architecture: The Place of Technology», Journal of Architectural Education, Bd. 54, Nr. 3, 2001, S. 140–148
- C. C. Konijnendijk, K. Nilsson, T. B. Randrup und J. Schipperijn, Urban Forests and Trees: A Reference Book, Springer, 2006
- N. Heynen, M. Kaika und E. Swyngedouw, In the Nature of Cities: Urban Political Ecology and the Politics of Urban Metabolism, London, Routledge, 2006
- Kyle Powys Whyte, «Indigenous Science (Fiction) for the Anthropocene: Ancestral Dystopias and Fantasies of Climate Change Crises», Environment and Planning E: Nature and Space, Bd. 1, Nr. 1-2, 2018, S. 224–242
- Naomi Klein, This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, New York, Simon & Schuster, 2014, S. 181
- Judith Butler, Precarious Life: The Powers of Mourning and Violence, London, Verso, 2004
- Jeremy Till, Architecture Depends, Cambridge, MIT Press, 2009
- Will Steffen, Johan Rockström, Katherine Richardson et al., «Trajectories of the Earth System in the Anthropocene», Proceedings of the National Academy of Sciences, Bd. 115, Nr. 33, 2018, S. 8252–8259
- IPCC (Zwölfter Sachstandsbericht), Sechster Sachstandsbericht, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimawandel, 2023
- Fiktive Figur aus dem Film Arrival (2016), Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Eric Heisserer
Autorinnen
Dr. Harriet Harriss (ARB, RIBA, (Assoc.) AIA, PFHEA, Ph.D) ist Professorin an der School of Architecture des Pratt Institute in New York und war von 2019 bis 2022 Dekanin. Als preisgekrönte Pädagogin, Autorin und in Grossbritannien registrierte Architektin hat sich Dr. Harriss mit ihren Büchern und Veröffentlichungen, in denen sie soziale und ökologische Gerechtigkeit als pädagogische und berufliche Imperative positioniert, einen weltweiten Ruf erworben. Als Clore-Stipendiatin und Akademikerin der British School in Rom gehören zu den jüngsten Auszeichnungen von Dr. Harriss eine Autorenresidenz am IPA (Institute of Public Architecture) (Sommer 2024) und eine Residenz im Polarkreis (Frühjahr 2024). Ihr jüngstes Werk – 100 Women Architects in Practice – wurde vom Magazin Dezeen zu einem der 10 besten Architektur- und Designbücher 2024 gewählt.
Roberta Marcaccio ist Forschungs- und Kommunikationsberaterin, Herausgeberin und Pädagogin, deren Arbeit sich auf alternative Formen der Designpraxis und -pädagogik konzentriert. Zu ihren Veröffentlichungen gehören das Buch The Hero of Doubt (MIT Press, Januar 2025) und The Business of Research (AD, Wiley, 2019). Roberta ist Stipendiatin der Graham Foundation und erhielt ein Forschungsstipendium für gebaute Umwelt von der Royal Commission for the Exhibition of 1851 sowie ein Forschungsstipendium für Veröffentlichungen von der AA. www.marcaccio.info