Education Espazium

Beiträge

FEB-Preis: Erhalten und gestalten

Unter den Nominierten des Fachpreises für die Erhaltung von Bauwerken finden sich nicht nur Instandsetzungen denkmalgeschützter Objekte. Immer häufiger werden auch Weiter­nutzungen nicht geschützter Bauten und Areale ausgezeichnet.

 
Peter Seitz, Redaktor Bauingenieurwesen

Beachtliche 84 Arbeiten von Schweizer und Liechtensteiner Hochschulen bewarben sich bei der Jury aus der Fachgruppe für den Erhalt von Bauwerken um den FEB-Preis 2023. Dies lässt darauf schliessen, dass der Umgang mit dem Bestand einen immer wichtigeren Stellenwert in der Planung einnimmt und die nun an den Start gehende Planergeneration darauf vorbereitet ist.

Das kann positive Auswirkungen auf die Umwelt und die Lebensqualität haben. Und im besten Fall kann es sich sogar rechnen. Nicht immer ist ein Neubau die günstigere Wahl. Nun braucht es aber natürlich noch Bauherrschaften, die solche Wege mitgehen, wie sie die jungen Planer und Planerinnen vorschlagen. Es könnten steinige Wege werden, aber vor altem Stein und anderen bereits eingesetzten Materialien darf man nicht ­zurückschrecken, wenn man den Erhalt gestaltet. Die sechs folgenden ausgezeichneten Arbeiten zeigen dies auf beispielhafte Weise.

Realitätsnahe Überprüfung einer Strassenbrücke

An Daten mangelt es Guillaume ­Henriques von der EPFL bei der Überprüfung des Viadukts Crêt-­de-­l’Anneau nicht. Für seine numerische Berechnung kann er auf Verformungsmessungen aus einem Belastungsversuch und unter realen Verkehrsbedingungen gewonnene Erkenntnisse sowie auf Schalungs- und Bewehrungspläne zurückgreifen. Damit weist er nach, dass die Brücke aus dem Jahr 1957 Traglastreserven hat und ihre Restlebens­dauer verlängert werden kann. Bei einer Berechnung mit herkömmlichen Methoden fielen die Ergebnisse konservativ aus. Man würde die Stabilität des Bauwerks wohl unterschätzen. In puncto Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sind derlei Untersuchungen aus dem Bauwesen nicht mehr wegzudenken und gewinnen immer noch an Bedeutung.

Forum Calomil

Bianca Badihi von der HSLU anerkennt die Substanz des Calomil-­­Ge­bäudes auf dem Milchsüdi-Areal in Hochdorf. Die vorfabrizierten Be­ton­elemente machen es zu einem eindrücklichen Vertreter von Industriebauten im Stil des Brutalismus. Und ein solcher darf der Bau auch bleiben. Zurückhaltend, aber mit Finesse ordnet Bianca Badihi ihre Einbauten grösstenteils als Haus-im-Haus-Konzept an. Die Materialisierung erfolgt zu einem grossen Teil in Holz, was aber keinen ungewollten Kontrast zum schweren Betontragwerk entstehen lässt. Und auch die Aufstockung mit ihrer transluzenten Fassade fügt sich gekonnt in den Bestand ein.

Stadio Renato Dall’Ara, Bologna

Anstatt Aufstockung Absenkung, statt Stahlumgürtelung eine feine Stahl­umwebung und dazu dem prot­zigen Faschismusbau ein elegantes, leicht wirkendes Dach aufgesetzt – so könnte man in Stichworten das Konzept von Alexandre Gameiro und Pierluigi Surano (EPFL) zum Umbau des Stadio Renato Dall’Ara in Bolog­na beschreiben. Sie entfernen die für die Fussballweltmeisterschaft 2000 aufgestockten Sitztribünen und die um das alte Stadion umlaufende Stahlkonstruktion mit ihren vielen Treppen. Die Stützen bleiben allerdings erhalten und dienen einem neuen Tribünendach, das nach hinten über Stahlseile im Boden verankert ist, als Auflager. Durch dieses Aufräumen der stählernen Konstruktion kommt der gemauerte Backsteinbau wieder zum Vorschein. Und die verloren gegangenen Sitzplätze? Durch die Absenkung des Spielfelds entstehen sie neu und näher am Geschehen.

Milchsüdi-Areal

Das auf dem Areal des ehemaligen Milchwerks Milchsüdi in Hochdorf verbaute Material fasst Alex Hammer von der HSLU als Inhalt eines Baukastens auf, der wiederverwendet werden kann. Grosse Fachwerkträger eines alten Parkhauses werden zu Passerellen über die Bahngleise und als Pfetten für eine Aufstockung umgenutzt. Mit vorhandenen Stahl­treppen und Zäunen formt er eine mehrstöckige Balkonanlage und bestehende Fenster werden in Trennwänden wiederverwendet. Dabei stehen nicht nur ökologische Belange im Vordergrund. Identitätsstiftend und die Ausstrahlung des Industrieareals erhaltend sollen die Teile wirken. Dazu kann auch der neue, auf Gleisunterführungsebene abgesenkte Quartierplatz beitragen.

Limmatbrücke Baden

Ines Neuweiler (OST) überprüft die über 200-jährige Holzbrücke über die Limmat in Baden. Dabei taucht sie in ihre Historie ein, kann ihre Instandsetzungen und Um­bauten nachvollziehen und nimmt den Bestand gewissenhaft auf. Fotogrammetrische Verfahren ergänzen die visuellen Aufnahmen und Pläne. Ein Belastungsversuch plausibilisiert die getroffenen Annahmen und Berechnungen der Brücke und unterstützt das schöne Ergebnis der Untersuchung: Die Brücke mit ihrem Hänge- und Sprengwerk kann mit wenig Aufwand noch viele ­weitere Jahre bestehen bleiben.

Neue Hard – zirkuläre Dauerhaftigkeit

Charline Blatter von der ETH Zürich knackt im wahrsten Sinne des Wortes eine Bank. Ihre Überlegungen beschäftigen sich mit der Neustrukturierung des riesigen Bankgeschäfts­hauses an der Neuen Hard in Zürich. Der nach aussen ­abgeriegelte Baukörper wird in grossem Stil geöffnet. In Ost-West­-Richtung ver­laufende Querbauten werden rückgebaut, die Materialien dienen als urbane Mine für Umbauten der bestehenden Nord-­Süd-Gebäude. Die neue Offenheit, ja Durchlässigkeit steht nicht nur als Raumprogramm im Sinne der sozialen Durchmischung dem Quartier zur Ver­fügung, auch dem lokalen Klima kommen die Eingriffe entgegen: Luftströmungen sind durch das verringerte Gebäudevolumen nun bedeutend weniger beeinträchtigt und können so zur nächtlichen Stadtkühlung beitragen.

→ FEB-Preis 2024
Projekte für den FEB-Preis 2024 können bis 14. Februar 2024 auf www.feb.sia.ch eingereicht werden.

FEB-Preis 2023

Auslober
FEB Fachgruppe für den Erhalt von Bauwerken


Preise

  • Guillaume Henriques: «Tragverhalten und realitätsnahe Überprüfung einer Strassenbrücke aus Stahl und Stahlbeton», Master­arbeit EPFL
  • Bianca Badihi: «Forum Calomil», Bachelorarbeit HSLU
  • Alexandre Gameiro, Pierluigi Surano: «Stadio Renato Dall’Ara, Bologna», Masterarbeit EPFL

 


Anerkennungen

  • Ines Neuweiler: «Limmatbrücke Baden, gedeckte Holzbrücke, Tragwerks­analyse und Erhaltungsmassnahmen», Bachelor­arbeit OST
  • Alex Hammer: «Hochdorf im Wandel – Transforma­tion Milchsüdi-Areal, städtebauliche Entwicklung Siederei­strasse», Bachelorarbeit HSLU
  • Charline Blatter: «Neue Hard – Entwurf Zirkuläre Dauerhaftigkeit», Master­arbeit ETH Zürich

 


Jury
Oliver Gassner, Präsident FEB, Bauingenieur, Zürich
Cornelia Pauletti, Architektin, Zürich
Marius Weber, Bauingenieur, Zürich
­Alois Diethelm, Architekt, Zürich
­Markus Schneider, Bauingenieur, Zürich
Konstanze Domhardt, Architektin, Zürich
Tania Loureiro, Bauingenieurin, Rupperswil
Rolf Schaffner, Architekt, Zürich
Daniela Aeberli, Architektin, Zürich