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Aktivismus in der Architekturlehre

Zum Auftakt des Herbstsemesters 2022 initiierten und konzipierten Silvio Koch, Henriette Lutz, Joana Teixeira Pinho, Ulrike Schröer und Stanislas Zimmermann vom Fachbereich Architektur der Berner Fachhochschule im Kornhausforum Bern ein öffentliches Symposium zum Thema «Architektur und Aktivismus», das von einer zweiwöchigen Ausstellung und weiteren Abendveranstaltungen begleitet wurde. Im Rahmen dieses Artikels bietet sich nun, fast drei Jahre später, die Gelegenheit, Aktivismus im Kontext der Architekturlehre zu reflektieren.


 

Ein Artikel von Henriette Lutz, Mitarbeiterin der Berner Fachhochschule | BFH

➔ En français : L’activisme dans l’enseignement de l’architecture

In Italiano: L’attivismo nell'insegnamento dell'architettura

Das Architektursymposium mit dem Titel «Architektur & Aktivismus» im September 2022 bot einen Reflexionsraum für gesellschaftliche Aspekte der Architektur, die im Curriculum noch unterrepräsentiert sind. Wir beobachteten eine Zunahme von aktivistischen Bewegungen und stellten für das Symposium die These auf, dass sich Architekt*innen gesellschaftspolitischen Diskursen in Zeiten von Klimanotstand, Wohnungskrise, Migrationsbewegungen und sozialer Ungleichheit nicht (mehr) entziehen können. Dabei beschäftigten uns folgenden übergeordnete Fragen: Wie funktioniert Aktivismus im Bereich der Architektur? Welche Bedeutung hat Aktivismus für das Entwerfen und die bauliche Umsetzung? Wie kann die Architektur Aktivismus unterstützen? Unterscheidet sich eine aktivistische von einer nichtaktivistischen Architektur in Bezug auf den architektonischen Ausdruck, den Prozess und den Gebrauch?

Tagsüber fanden Workshops mit unterschiedlichen aktivistischen Gruppierungen statt, an denen Studierende aus dem Bachelor- und Masterstudiengang teilnahmen. Das Angebot war inhaltlich breit gestreut: Architecture for Refugees [1] sensibilisierten die Studierenden im Hinblick auf eine inklusivere Gestaltung öffentlicher Räume für Menschen mit Fluchthintergrund. Die Aktivist*innen von Countdown 2030 [2] hinterfragten die Wirkungsmacht unterschiedlicher (aktivistischer) Kommunikationsformate für ihre Anliegen, während DRAGlab [3], eine Gruppe der EPFL bestehend aus Studierenden und Personen aus dem Mittelbau, mit Rollenspielen neue Zugänge im Hinblick auf Gender Studies und queere Perspektiven zum gebauten Raum ermöglichte. Die Künstlerin Maia Gusberti [4] erprobte das Potenzial künstlerischer Strategien in Bezug auf räumlichen Aktivismus und zuletzt beleuchteten Urban Equipe [5] bestehende Machtstrukturen bei der Raumproduktion.

Die anschliessende Podiumsdiskussion unter Teilnahme, der eben aufgezählten Gruppen thematisierte, die Chancen und Herausforderungen von Aktivismus für Architektur, Gesellschaft und die Aktivist*innen selbst und war zugleich Teil der Vernissage der Ausstellung «Architektur & Aktivismus». Die Ausstellungsbeiträge waren das Resultat eines niederschwelligen Open Calls und zeigten eine Vielfalt ephemerer Bauten, Vorschläge für gerechtere Städte, einen Appell für aktivistische Pflanzen, queer-feministischer Positionen, Vorschläge zu solidarischeren Bau-und Vermietungsprozesse, bis hin zu aktivistischen Lehrgefässen. [6]

An diesem Tag schärften die Studierenden ihr Bewusstsein für soziale und ökologische Fragestellung und setzen sich mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Tendenzen auseinander. Dies führte jedoch auch zu Kritik: Einige Studierende äusserten ihr Unverständnis und ihren Missmut gegenüber dem politischen Diskurs im Lehralltag. Umso dringlicher ist es, dass die Architekturschulen ihrer Aufgabe gerecht werden und die Studierenden im Hinblick auf die Entwicklung einer eigenen Haltung zu sensibilisieren und zu unterstützen. Denn Architektur, die Mitwirkung an räumlichen Entscheidungen, die Mitgestaltung des Lebensraums, der Diskurs über Materialität und Konstruktion oder auch die kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Normen sind grundsätzlich politisch, auch wenn diese Bedeutungsebene im Lehr- und Berufsalltag manchmal in den Hintergrund rückt.

Aktuelle Tendenzen aktivistischer Lehrformate

In den letzten drei Jahren seit dem Architektursymposium sind aktivistische Lehrformate zunehmend auch im regulären Stundenplan verschiedener Hochschulen zu finden. Dabei gibt es zwei grundlegend unterschiedliche Arten von Aktivismus. Einerseits gibt es einen Aktivismus, der sich aus den Hochschulen selbst entwickelt hat und auch dort wirksam ist. Er verweist auf strukturelle Probleme oder inhaltliche Fehlstellen. Ein Beispiel hierfür ist das studentisch geleitete Wahlfach von Unmasking Space [7] an der ETH Zürich. Dank der der organisatorischen und finanziellen Unterstützung des Lehrstuhls von An Fonteyne konnte der Kurs im Frühjahrssemester 2025 bereits zum dritten Mal stattfinden. Unter dem Titel „Echoes of The Unseen" fand Unmasking Space auch abseits der akademischen Welt Gäst*innen mit neuen Perspektiven auf die Stadt. Die Mitglieder von Unmasking Space sehen ihre Rolle darin, den aktivistischen Inhalten ihrer Gäst*innen eine Plattform zu bieten. Sie betonen, dass ihr Engagement in der inhaltlichen Auseinandersetzung, dem Wunsch nach neuen Themen im Curriculum und der Möglichkeit selbst dazuzulernen, begründet ist.

Es handelt sich um eine völlig andere Art von aktivistischen Lehrveranstaltungen, wenn die Hochschule selbst aktivistische Gruppen einlädt, ihnen das Lehren ermöglicht und so ihr progressives und aufgeschlossenes Image stärkt. Die Schulen profitieren von spezifischer Expertise, einem überdurchschnittlichen Engagement und einem grossen Pool an Personen aus dem angefragten Verein oder Kollektiv. Und auch die Aktivist*innen erfahren durch die Zusammenarbeit mit den Hochschulen eine zusätzliche Portion Glaubwürdigkeit für ihre Anliegen. Beispiele aus der jüngsten Zeit waren die Vergabe der Gastprofessur im Masterstudiengang Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz im Studienjahr 2023/2024 an den Verein Countdown 2030, sowie das Gaststudio der Arbeitsgruppe ZAS* [8] an der ETH Zürich im Herbstsemester 2024.

Durch die Übernahme der Entwurfsstudios ergaben sich sowohl für die Architekturschule als auch für Countdown 2030 mit seinen rund 75 Mitgliedern neue Fragestellungen. Countdown 2030 schätzte es, dass sie als Verein und nicht als Einzelperson(en) den Zuschlag für die Gastprofessur erhielten und somit frei in ihrer Selbstorganisation waren und kollektiv unterrichten durften. Seitens der FHNW blieben allerdings formale Rahmenstrukturen eine Bedingung für den Unterricht. Dies betraf die thematische Eingliederung der Gastprofessur in das damalige Jahresthema der Hochschule «Feed the City», sowie den gemeinsamen Entwurfsort aller Studios. [9] Zur Gastprofessur gehörte ebenfalls die Durchführung eines Theorieseminars und die Organisation einer Seminarreise. Die Arbeiten der Studierenden mussten bewertbar sein, es sollte entworfen werden und nicht etwa ein Manifest geschrieben werden. Was machen nun all diese Vorgaben mit den Aktivst*innen und ihrem Unterricht?

«Am Ende war es ein Entwurfsstudio für Studierenden, welches zu wenig öffentliche Wirkung entfachte. Hierzu fehlten schlicht die zeitlichen Ressourcen. So wichtig die Arbeit mit den Studierenden auch ist, grosse Hebel in der aktuellen Dringlichkeit der Klimakrise sehen anders aus.», reflektiert Sarah Barth den Lehreinsatz von Countdown 2030 selbstkritisch. Ist das Unterrichten noch Aktivismus? «Ja», so Sarah Barth, «am Ende geht es darum, die eigenen, aktivistischen Inhalte in der Lehre zu platzieren und die Studierenden zu diesen Themen zu befähigen.»

«In Zeiten grosser Verunsicherung ist es umso wichtiger, dass die Hochschulen Reflexion, Haltung und Ethik lehren. Aktivismus hat immer auch ephemere Anteile. Es ist wichtig die berechtigten Anliegen dauerhaft zu verankern, um sich als Gesellschaft und Hochschule weiterzuentwickeln. Aktivismus öffnet Türen, erprobt Formate und hinterlässt Spuren – gerade auch in der Lehre», ordnet Christina Schumacher, Professorin für Sozialwissenschaften am Institut für Architektur der FHNW, ein. Sie selbst bearbeitet in der Lehre zur Architektursoziologie mit den Studierenden auch Themen wie «Verantwortung im Architekturberuf». Dabei werden ethische Fragen in unterschiedlichen Formaten diskutiert und verhandelt mit dem Ziel, Reflexionswissen zum beruflichen Handeln zu vermitteln. [10]

Hin zu einer engagierten Architekturlehre

Aktivistische Gruppierungen als Teil der Hochschule bedeuten stets auch, dass Beziehungen zu anderen gesellschaftlichen Gruppen entstehen. Diese sollten langfristig und wertschätzend erfolgen, was ein hohes Mass an Sensibilität erfordert. Die Hochschulen sollten die eingeladenen Aktivist*innen eng begleiten und sich der Bedeutung von aktivistischer Lehre stärker bewusst werden. Torsten Lange, Keynote-Speaker des Symposiums, Teil der Gründungsgeneration der Parity Group [11] und Dozent am Institut für Architektur an der Hochschule Luzern, schlägt vor, dass die Beteiligten in solchen Konstellationen einen gemeinsamen Werterahmen für ihre Zusammenarbeit aushandeln. Dieser sollte unter anderem Aussagen zu den Zielen, Bedingungen und angestrebten Wirkungen beinhalten. Er betont ebenfalls die zentrale Bedeutung von der Auseinandersetzung mit Ethik in der Architekturlehre. Die Bartlett Ethics Commission bietet in Kooperation mit Knowledge in Action for Urban Equality mit dem Forschungsprojekt «Lexicon of Ethical Principles» [12] eine gute Orientierungshilfe für Architekturschaffende.

Auch ausserhalb der aktivistischen Lehre gibt es heute an Architekturschulen eine Vielzahl gesellschaftlich und politisch engagierter Lehrveranstaltungen. Diese setzen sich intensiv mit ethischen, diversitätsbezogenen, sozialen Gerechtigkeitsfragen oder Nachhaltigkeitsaspekten in der Architektur auseinander. Dabei steht weniger die persönliche Haltung der Lehrenden im Vordergrund als vielmehr die Möglichkeit für die Studierenden, Wissen in gesellschaftlich relevanten Bereichen zu generieren und es selbstkritisch zu reflektieren. Eine engagierte Lehre geht mit einer Öffnung der Hochschule und der Suche nach einem gesellschaftlichen Dialog einher. Dies bedingt auch die Teilhabe der Bevölkerung an der Wissensproduktion der Hochschulen und fordert den Einbezug neuer Perspektiven in die Lehre, beispielsweise durch die Zusammenarbeit mit Citizen Scientists oder Expert*innen aus völlig anderen Disziplinen wie der Botanik oder dem Gesundheitswesen. [13]

Aktivismus in der Lehre zielt nicht darauf ab, bestehende Lehrformate zu ersetzen, sondern fordert ihre Transformation. Aktivismus setzt neue Themen, deckt Missstände in bestehenden Strukturen auf und hilft den Hochschulen so, sich weiterzuentwickeln.

Architektur & Aktivismus | Symposium | BFH | 2022



Zur Dokumentation des Architektursymposiums «Architektur & Aktivismus» der Berner Fachhochschule, 2022 inklusive aller Ausstellungsbeiträge: https://www.bfh.ch/de/aktuell/veranstaltungen/archiv/architektursymposium-2022-aktivismus-architektur/, Für die Konzeption verantwortlich waren seitens der Berner Fachhochschule:


Silvio Koch, Henriette Lutz, Joana Teixeira Pinho, Ulrike Schröer, Stanislas Zimmermann.

Henriette Lutz arbeitet als selbstständige Architektin in Zürich. Als Teil des Kollektivs Research Walkers beschäftigt sie sich mit den Spaziergangswissenschaften und Fragen der Diversität im öffentlichen Raum. Zudem forscht und lehrt sie an der Berner Fachhochschule und ist seit 2024 Teil der Institutsleitung am Institut für Siedlung, Architektur und Konstruktion. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt hier in der interdisziplinären und partizipativen Forschung zum Wohnungsbau, unter Einbezug sozialer und gesundheitlicher Perspektiven in der Zusammenarbeit mit Citizen Scientists. Als Vorstandsmitglied von créatrices.ch – Frauen gestalten die Schweiz engagiert sie sich für Gleichstellung, ebenso wie als Mitgründerin des Mittelbaukollektivs KITTIK der Berner Fachhochschule und Teil der Parity Front.

Über folgende aktivistische Projekte, die im Kornhausforum ausgestellt wurden, hat espazium bereits berichtet:

Links der erwähnten Kollektive und Initiativen :

  1. https://architectureforrefugees.ch/en/5210-2/
  2. https://countdown2030.ch/de
  3. https://www.epfl.ch/campus/associations/asar/drag-lab/
  4. https://www.maiagusberti.net/
  5. https://www.urban-equipe.ch/
  6. Eine ausführliche Dokumentation des Architektursymposiums Architektur & Aktivismus inkl. der Workshopinhalte und sämtlicher Ausstellungsbeiträge finden sich hier: https://www.bfh.ch/de/aktuell/veranstaltungen/archiv/architektursymposium-2022-aktivismus-architektur/).
  7. https://unmasking.space/
  8. https://www.zas.life/
  9. Im Jahrbuch sind auf Seite 69 bis 73 auch Ergebnisse der Gastprofessur von Countdown 2030 zu sehen. https://issuu.com/ma-arch/docs/jahrbuch_2024_issuu?fr=sNTk0Mjc3NTMyMTA
  10. Die Lehrveranstaltung wurde im Rahmen der Ausstellung «Architektur & Aktivismus» im Kornhausforum Bern vorgestellt.
  11. Die Parity Group wurde 2014 im D-ARCH der ETH Zürich von Personen des Mittelbaus gegründet. Für ihr Engagement wurde sie 2023 mit dem Merit Oppenheim Preis ausgezeichnet. https://parity.arch.ethz.ch/
  12. Das als Lehrmittel gedachte Glossar wurde von David Roberts in Kooperation mit Jane Rendell entwickelt. Es ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Bartlett Ethics Commission und Knowledge in Action for Urban Equality. https://www.practisingethics.org/principles
  13. Für diese Form der engagierten Lehre gibt es unterschiedliche Bezeichnungen wie „Third Mission” oder «Engaged University» an der Berner Fachhochschule. https://www.bfh.ch/de/ueber-die-bfh/engagierte-hochschule/