Education Espazium

Beiträge

How to study better– eine anekdotische Anleitung

Publiziert 01. Oktober 2025

How to study better– eine anekdotische Anleitung

Mitte September startete das neue Studienjahr. An der ZHAW begrüsste Studiengangsleiter Philippe Jorisch erstmals alle Bachelor- und Masterstudierenden des Fachbereichs Architektur gemeinsam. Das Thema seines ebenso persönlichen wie kurzweiligen Vortrags: «How to study better». Es folgte: Ein wilder Ritt durch Kunst-, Filmgeschichte und Architekturgeschichte, Sport, und Neurologie, sowie – Spoiler – ein optimistisches Finale.

 

Text: Tina Cieslik, Head of Multimedia, espazium digital lab (Einleitung) | Philippe Jorisch, Studiengangleiter Architektur Bachelor und Master, ZHAW


Ein rollender Reifen aktiviert eine Wippe, das sich senkende Holzbrett bringt einen weiteren Reifen zum Rollen, der wiederum eine Leiter ins Rutschen bringt, und immer so weiter: Ein Ausschnitt aus «Der Lauf der Dinge», eine rund 30 minütige, gefilmte Kettenreaktion der Schweizer Künstler David Fischli und Peter Weiss aus dem Jahr 1987, bildete den Einstieg ins Thema. Und zeigte: Alles im Leben hat Konsequenzen. Jede Entscheidung, die wir treffen, jede Handlung, die wir ausführen löst eine andere aus. So bildete der Film gleichzeitig eine Brücke zum roten Faden des Abends: Denn die Inspiration war ein weiteres Werk von Fischli/Weiss: «How to work better» (1991), ein 10-Punkte-Manifest, das eine Fassade in Zürich Oerlikon schmückt.

Philippe Jorisch transformierte «Work» zu «Study» und ergänzte seine persönliche Sicht der Dinge. Es folgte: Ein wilder Ritt durch Kunst-, Filmgeschichte und Architekturgeschichte, Sport, und Neurologie, sowie – Spoiler – ein optimistisches Finale.

1 SMILE
Lächeln entspannt, Lächeln hat mit Humor zu tun. Humor kann man nur in einer vertrauensvollen Situation entwickeln. Wenn man entspannt ist und etwas Lustiges sieht, sendet das Stammhirn dem Körper das Signal: «Alles in Ordnung, keine Gefahr, vertraute Situation, du kannst lächeln.» Man fühlt sich besser. 

Interessanterweise funktioniert es auch umgekehrt. Nimmt man etwa einen Bleistift quer in den Mund, werden die gleichen Gesichtsmuskeln aktiviert wie beim Lächeln. Das Stammhirn sendet ein Signal zur Entspannung. In einer besonders stressigen Situation also einfach ein paar Minuten intensiv lächeln – sieht zu Beginn vielleicht seltsam aus, ist aber effektiv.

2 TAKE NOTES
Die Auslagerung von Information und Wissen aus dem Gehirn in die Cloud hat schon vor Jahren begonnen. Und sie verändert unsere Gehirne: Wenn wir unsere Synapsen nicht mehr trainieren, verlernen wir zu lernen. Notiert man hingegen etwas handschriftlich, passieren im Körper mehrere Dinge: Erstens hört man aufmerksamer zu, zweitens aktiviert man ein anderes Körperteil und drittens muss das, was gesehen und gehört wird, zeitgleich zu wenigen Stichworten und Sätzen synthetisiert werden. Diese aktive Verarbeitung ist bereits ein erster wichtiger Schritt im Lernprozess. 

3 SKETCH
Das Skizzieren ist etwas, was die Architektur von anderen Studiengängen unterscheidet. Mit der Skizze lassen sich grössere Zusammenhänge, räumliche Strukturen und verborgene Details untersuchen und darstellen. Manchmal vermischen sich Notizen und Skizze. Mit der Skizze lassen sich Dinge andeuten, die sonst nicht fassbar sind. Mit der Skizze kann man die richtige Form suchen und sachliche Zusammenhänge abstrakt darstellen. Zudem sind Skizzenbücher – ebenso wie Notizen – grosse Ressourcen und regelrechte Schatzkisten, auf die man immer wieder zurückgreifen kann. 

4 PRACTICE PERSISTENTLY
Regelmässigkeit schlägt Intensität. Je regelmässiger trainiert wird – sei es Skizzieren, Meditieren, Musizieren oder Sport – umso mehr stabilisieren sich die Verbindungen im Hirn. Das Gehirn braucht viele Wiederholungen, um etwas automatisch abrufen zu können. Wenn es aber mal drin ist, geht es kaum mehr weg. Man nennt das den «Compound Consistency Effekt». Das Gehirn lernt in kleinen Schritten. Erst durch den Schlaf und durch die tiefere Verarbeitung sickert das Wissen in unser Fleisch und Blut. 

Schlaf ist ein wichtiger Punkt: Menschen verbringen ein Viertel bis ein Drittel ihres Lebens im Schlaf. Wir brauchen Distanz – auch zur eigenen Arbeit –, um Prioritäten setzen zu können. Natürlich sinkt gegen Ende des Semesters die Schlafdauer, das ist im Architekturstudium normal. Trotzdem ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten, um am Ende die grossen Linien zu sehen, sich nicht im Detail zu verlieren, Mut zur Lücke zu haben. 

5 ACCEPT THE VUCA
VUCA ist ein Akronym. Der Begriff kursierte nach der Havarie des Containerschiffs Ever Given im Suezkanal im März 2021 in den Medien. VUCA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Die Welt ist VUCA: Die Geschwindigkeit und Intensität sind hoch, alles ist vernetzt, Ursache und Wirkung sind nicht eindeutig. Das hat etwas Bedrohliches: Die Treibhausgasemissionen und der Ressourcenverbrauch zielen auf einen Kollaps der Ökosysteme hin, es gibt politische Spannungen, aufstrebenden Nationalismus. 

Doch nimmt man die Langzeitperspektive ein, dann wird die Weltbevölkerung laut Prognosen bereits 2080 rapide sinken, und in 50‘000 Jahren gibt es möglicherweise die nächste Eiszeit. Unsere Stadtlandschaften bilden dann bloss eine weitere Sedimentschicht auf dem Palimpsest unseres Planeten. 

Komplexität und Widersprüchlichkeit sind im Architekturdiskurs immer wieder ein Thema. Auch auf der Projektebene: Der Bauökonom sagt etwas anderes als die Soziologin, die Gebäudetechnikerin hat eine andere Haltung als der Denkmalpfleger, der Bauphysiker plädiert für eine andere Lösung als die Statikerin. Die Aufgabe der Architekturschaffenden ist, in der Menge an Meinungen und Haltungen der unterschiedlichen Disziplinen einen roten Faden zu finden und zu kommunizieren. 

Das sind keine linearen Prozesse. Man macht Schritte nach vorne und Schritte zurück. Man hinterfragt, zweifelt und dreht sich im Kreis. Das ist das Wesen des «Design Thinking». Diese Fähigkeit wird in einer zunehmend komplexen Welt immer wichtiger. 

Die gute Nachricht: Hier in Europa, in der Schweiz, in Winterthur, stehen wir auf der Sonnenseite der Sonnenseite. Ein Architekturstudium kostet ein kleines Vermögen – je nach Land müssen die Studierenden selbst dafür aufkommen und sich eventuell hoch verschulden. Der Staat, die Gesellschaft, in Winterthur: der Kanton Zürich, investiert in jede Architekturstudentin, in jeden Architekturstudenten rund 140‘000 Franken. Das ist ein unglaubliches Privileg. Das verpflichtet. 

6 LEAVE YOUR COMFORT ZONE
Auf Netflix gibt es die Mini-Serie «The Playbook». Sie handelt von erfolgreichen Trainerinnen und Trainern von Ballsportarten: Tennis, Fussball, Basketball. Eine davon ist Dawn Staley: Als Basketballspielerin hat sie 1996 mit dem US-Frauenteam die Olympiade gewonnen. Danach war sie als Coach des Nationalteams noch erfolgreicher: Die US-Frauen haben mit ihr drei Mal Olympiagold geholt. Es gibt eine Schlüsselszene , in der eine Spielerin das Gespräch sucht, weil sie das Training als unangenehm empfindet. Die Antwort von Staley ist ebenso sympathisch wie bestimmt: «Ihr seid nicht hier, um euch wohlzufühlen. Wenn ihr ausserhalb eurer Komfortzone seid, dann ist es, weil ich euch genau dort haben möchte. Wenn wir am Spieltag auf dem Feld stehen, müssen wir bereit sein.»

Übertragen auf das Setting einer Architekturschule bedeutet das: Die Dozierenden sind die Coaches. Sie werden die Studierenden nicht immer mit Samthandschuhen anfassen. Ja, das ist manchmal unangenehm! Das Gemeine ist: Gleich nach der Komfortzone kommt die Angstzone. Das Unbekannte. Erst wenn man diesen Bereich überwunden hat, kommt man in die Lernzone, und schliesslich in die Zone des Wachstums. Das braucht Einsatz, und es ist normal, ab und zu ein bisschen zu leiden. Erst wenn man phasenweise über 100% gibt, kann man sich weiterentwickeln.

7 EMBRACE SETBACKS
Rückschläge gehören zum Leben –  gebrochene Herzen, schlechte Nachrichten, eine ungenügende Note, eine Zuteilung in einen unbeliebten Kurs, einen scheinbar unfähigen Gruppenpartner oder sonst eine verpasste Chance

Ein gutes Beispiel, wie man damit umgehen kann, ist der Film «Small Time Crooks» von Woody Allen. Die Handlung: Eine Bande von Kollegen möchten eine Bank überfallen und mietet das Nachbarlokal, um im Kellergeschoss einen Tunnel zum Tresorraum zu graben. Zur Tarnung ziehen sie einen Cookie-Shop auf – Sunset Cookies. Doch der geplante Überfall wird Misserfolg, das zweite Standbein hingegen zu einem Grosserfolg. Sunset Cookies wird (zumindest vorübergehend) zu einem finanzstarken Konsortium. Merke: Es ist immer gut einen Plan B zu haben. Denn oftmals nimmt das Leben eine andere Wendung als geplant. 

8 NETWORK
Nichts verbindet mehr als gemeinsam verbrachte Nächte beim Modellbau, fluchend vor dem streikenden Plotter oder vor dem Rechner. Man verbringt selten wieder so viel Zeit mit Gleichgesinnten wie im Studium. Nur die wenigsten Absolventinnen und Absolventen werden anschliessend ein eigenes Architekturbüro führen. In zwanzig Jahren arbeiten einige vielleicht als Redaktorin, als Kantonsbaumeister, als Baumanagerin, als Immobilienentwickler, als Berater, als Lehrperson oder als Künstlerin. 

In Kontakt zu bleiben lohnt sich!Ein Netzwerk ist – wie das eigene Wissen – die wertvollste Ressource. Und es macht Spass mitzuerleben, wie sich andere Personen entwickeln. Geteilte Freude ist doppelte Freude. 

9 PLAY SPORTS
«Mens sana in corpore sano» hat schon der römische Satiredichter Juvenal vor zweitausend Jahren gesagt – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Unser Körper besteht nicht nur aus dem obersten Achtel, dem Kopf. Es braucht die Pflege des Ganzen. Und: Sport verbindet, über alle Generationen, Gesellschaftsschichten und Berufe. Sport hilft dabei, eine andere Perspektive einzunehmen. 

10 NEVER GIVE UP DREAMING
Der Architekt Albert Frey (1903–1998), nach dem die Halle 180 der ZHAW in Winterthur benannt sind, ist einer der bekanntesten Absolventen dieser Schule. 1924 erhielt er vom damaligen Bautechnikum sein Diplom, arbeitete dann unter anderem bei Le Corbusier in Paris, bis er 1934 erstmals nach Palm Springs kam. Das Wüstenklima ermöglichte seine Vision von Architektur, in der Aussen und Innen radikal ineinander verschmelzen. 

«Never give up dreaming» ist das Motto der Architekturschule an der ZHAW. Träume bedeuten für jede und jeden etwas anderes. Vielleicht ist es nicht das Bauen in der Wüste, aber das Bauen am Meer, in den Alpen oder auf Grossbaustellen. Vielleicht möchten sich Einzelne später in der Politik für eine hohe Baukultur engagieren. Träume sind mächtig, sie formulieren Ziele. 

Und wenn man mit dem Denken nicht weiterkommt, ist der Moment gekommen, um dem Gehirn zu sagen: «Lass los, damit ich träumen kann, so dass mein Unterbewusstsein zur Quelle wird. Liebes Gehirn, mach jetzt Pause, damit ich ein bisschen Distanz erhalte.» Eben: Never give up dreaming.