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Spärliches Grün und wenig City
Spärliches Grün und wenig City
Mit der Greencity konnte in Leimbach nach zähem politischem Ringen ein ökologisches Pionierprojekt in Bezug auf die Stadtentwicklung in Zürich realisiert werden. Doch wie viel Urbanität steckt im neuen Stadtteil und wie viel Grün heisst Green?
In den kommenden Wochen stellen wir auf espazium fünf ausgewählte Architekturkritiken der Studierenden des MAS GTA ETH vor. Sie beschäftigen sich mit der Greencity und wie Steuern dort die gebaute Umwelt prägen. Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Text: Fabian Diem
Die Stadt Zürich hat ein Problem: Sie hat zu wenig Wohnraum. Viel zu wenig. Die Leerwohnungsziffer beträgt aktuell 0.56 % [1] Die Nachfrage nach Wohnraum ist hoch, was in der Konsequenz zu steigenden Preisen führt. Ein Ende dieser Entwicklung ist kaum in Sicht. Zürich zählt darum zu den teuersten Städten der Welt, insbesondere, wenn es um Miet- und Immobilienpreise geht. Die Stadt hat seit Jahren Schwierigkeiten, mit der steigenden Nachfrage nach Wohnraum Schritt zu halten. Auch bei der Planung der Greencity vor mehr als zehn Jahren waren diese Probleme bereits bekannt. Darum hat die Stadt Zürich die Bauherrschaft dazu verpflichtet, 30 % des Areals mit genossenschaftlichen Wohnungen zu bebauen. Ohne das Eingreifen der Stadt hätten die Genossenschaften die Kosten nicht stemmen können. Es entstanden 250 Genossenschaftswohnungen, deren Mieten gedeckelt sind. Das ist zwar begrüssenswert, aber innerhalb der Gesamtproblematik nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Zumal kaum jemand, der in diesem Immobilienklima eine Wohnung zu diesen Konditionen ergattert hat, sie jemals wieder aus den Händen gibt.
(Vor)Stadtquartier
Im Bebauungsplan der Manegg liest man: «Die Manegg wird sich zu einem durchmischten und attraktiv gestalteten Stadtquartier wandeln und sich somit in die Kette diverser Entwicklungsgebiete entlang der Sihl im Süden von Zürich einreihen.» [2] Doch leider ist es genau dieser angestrebte Charakter des Stadtquartiers, den man in der Greencity zuweilen vermisst. Dem wollte das Amt für Städtebau mit gezielter Durchmischung entgegenwirken: «Hochwertige Dienstleistungsbetriebe werden ergänzt mit Wohnnutzungen sowie Einkaufs- und Freizeitnutzungen.» [3] Doch es fehlt in der Greencity an einer dichten, heterogenen Funktions- und Nutzungsmischung, wie beispielsweise lokalen Einkaufsmöglichkeiten, Geschäften und einer gewissen urbanen Betriebsamkeit. Vieles muss deshalb in der «Stadt» besorgt werden. Vorstadt halt. Ein grünes Stadtquartier, wie es die Greencity eigentlich sein will, müsste auch völlig lokal funktionieren können.
Grün ist nicht gleich Green
Das Green in Greencity ist nicht zuletzt auch Immobilienmarketing. Das soll die Ansprüche und die Leistungen der Bebauung nicht schmälern. Die Greencity erfüllt strenge Minergiestandards und ist entsprechend zertifiziert. Grossprojekte müssen heute «grün» sein. Nur so kann man sie auch einer breiteren Bevölkerung schmackhaft machen. Grüner wirkt die Greencity dadurch leider nicht. Lediglich der Sihlwald im Hintergrund hilft, das Bild etwas zu verbessern. Die Manegg profitiere von der unmittelbaren Nähe zu grosszügigen Grün- und Erholungsräumen, insbesondere zur Sihl, der Allmend und den ausgedehnten Wäldern entlang der Albiskette, erfährt man im Projektleitbild. [4] Um wirklich grün zu sein, müsste die Bepflanzung auch innerhalb der City das Mikroklima regulieren können und trotzdem ist die Greencity fraglos ein wichtiges Pionierprojekt im Bereich des nachhaltigen Bauens in der Stadt Zürich und der Förderung genossenschaftlichen Wohnraums.
Ein ähnliches Vorgehen wurde von der Stadt Zürich auf dem Areal Neugasse verfolgt. Das Projekt wurde mittlerweile durch die Bauherrschaft SBB auf Eis gelegt, da man es weiterhin als Depot nutzen möchte. Denn die Stadtregierung hatte in einer Initiative plötzlich 100 % genossenschaftliches Wohnen gefordert, deutlich mehr als zu Beginn. Vorausgegangen waren Diskussionen über das Grundeigentum. Zu viel schlussendlich für die SBB. Denn auch teure Wohnungen haben keinerlei Absatzprobleme. Das Angebot an Wohnraum zu stark zu erhöhen, würde in dieser Konsequenz einzig zu sinkenden Preisen führen, und die Investitionen lassen sich dann nicht mehr rechtfertigen. Ohne grosse und teure Wohnungen also kein günstiger Wohnraum?
Ein Ansatz zum Umdenken
Könnte ein Malussystem auf den Ressourcenverbrauch helfen, günstigeren und nachhaltigen Wohnraum zu schaffen, anstatt Luxusimmobilien zu fördern? Der Ansatz, sozialen Wohnbau durch teure Wohnungen zu quersubventionieren, führt nur zu langsamem Fortschritt. Ein System, das auf nachhaltigen Ressourcenverbrauch setzt, könnte die Lösung sein, um den Wohnraumdruck in Städten wie Zürich zu verringern.
Fabian Diem ist Kommunikationsdesigner und schloss 2024 mit der Masterarbeit «Diskrete Transformation: Die Relevanz des Bildes in der Transformation der gebauten Umwelt am Beispiel der Abschaffung des Single-Family-Zonings in Minneapolis MN» den MAS Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich ab.
[1] https://www.zh.ch/de/planen-bauen/raumplanung (abgerufen : 29.10.2024)
[2] Kooperative Entwicklungsplanung. Manegg. Grundsätze für die Gebietsentwicklung. Zürich: Hochbaudepartement der Stadt Zürich. Amt für Städtebau 2009.
[3] Ebd.
[4] Ebd. 4.