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SIA Masterpreis: «Architektur kann mehr sein, als nur neu zu bauen»

Publiziert 21. Mai 2024

SIA Masterpreis: «Architektur kann mehr sein, als nur neu zu bauen»

Tina Cieslik | Head of content espazium.ch

 

Im vergangenen Herbst erhielt Olga Cobuscean den SIA Masterpreis Architektur, als Jurymitglied wird sie die nächste Ausgabe des Preises begleiten. Wir sprachen mit ihr über die Freiheit, bewusst nicht zu bauen, und wie das Studium an der ETH Zürich zu dieser Haltung beigetragen hat.


Olga Cobuscean, in Ihrer Master­arbeit «Arriving Back Home» schlagen Sie eine sanfte Re­vitalisierung des 1974 erbauten Hotels National im Zentrum der moldawischen Hauptstadt Chișinău vor. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Olga Cobuscean: Ich bin in der Republik Moldau aufgewachsen und habe dort bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt. Es ist also ein Umfeld, das mich sehr geprägt hat. Als es Ende 2021 um die Wahl eines Themas für meine Masterarbeit an der ETH Zürich ging, hatte ich das Bedürfnis, mich vertieft mit dem dortigen Kontext auseinander­zusetzen. Auf das Gebäude selbst bin ich dann allerdings durch Zufall gestossen, ein Freund hat mich auf das Thema gebracht. Der Bau steht mitten in Chișinău und war ein Wahrzeichen der Stadt; jetzt, seit Jahren ungenutzt, ist er ein Schandfleck. Bisher wurde nur über den Ab­riss gesprochen. Ich war der Meinung, dass es dazu Alterna­tiven gibt.


Aber das Gebäude kannten Sie schon vorher?

Ja, jedes Mal, wenn ich nach Hause fahre, komme ich daran vorbei. Es macht mich traurig, weil sich die Stadt rundherum durchaus entwickelt und Neues entsteht. Doch dann sieht man dieses Hochhaus, das langsam zerfällt – wie ein gebautes Symbol für alles, was in der Republik Moldau noch nicht funktioniert.


Hat der Krieg in der Ukraine dazu beigetragen, dass sich die Entwicklung verlangsamt, weil niemand investieren möchte?

Ja, auf jeden Fall. Das ist ein Thema, das auch meine Arbeit beeinflusst hat. Ein paar Tage nachdem ich mit meiner Master­arbeit begonnen hatte, brach der Krieg aus. Für mich und meine Arbeit hat sich dadurch auch die Frage nach dem Faktor Zeit gestellt: Ist es angesichts einer solchen Lage überhaupt angebracht, über Projekte mit einem Planungs­horizont von mehreren Jahren zu sprechen? Am Ende habe ich mich für einen Eingriff entschieden, der kurzfristig und mit wenigen Mitteln zu einem sichtbaren Zwischen­ergebnis führen soll.


Ihr Entwurf sieht vor, zunächst nur die unteren Stockwerke des Hochhauses instand zu setzen. Diese Art der Architektur und des Non-finito braucht auch Mut – gibt es vergleichbare Objekte in der Republik Moldau?

Nein, lokale Referenzen gibt es keine. In der Republik Moldau träumt man immer vom grossen Wurf, der eine neue Realität verspricht. Mit meinem Projekt hinterfrage ich diesen Ansatz, weil sich diese Visionen im wirklichen Leben oft nicht bewähren, und schlage eine Alternative dazu vor.


Haben Sie Ihre Arbeit bereits interessierten Kreisen in Chișinău vorgestellt?

Ich habe sie vor Ort noch nicht vorgestellt, das ist geplant. Es gab vor kurzem lokale Wahlen in Chișinău, die ich zunächst abwarten wollte, damit das Projekt keine politische Konnotation erhält. Inoffiziell habe ich das Projekt schon einigen Leuten gezeigt, die es sehr spannend fanden. Ich hoffe, dass ich bald die Gelegenheit haben werde, den Entwurf im Kulturministerium vorzustellen. Die kommende Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum S AM wird dabei sicher eine Hilfe sein (siehe Infotext).


Das Projekt bündelt viele Themen: Es beinhaltet Überlegungen zur Nachhaltigkeit ebenso wie partizipative Prozesse oder den Umgang mit Bauten der jüngeren Geschichte. Bereitet einen die Ausbildung an einer hiesigen Hochschule auf diese Komplexität vor? 

Das Studium hat mir auf jeden Fall den richtigen Impuls gegeben, mich zu trauen, genau diese Themen anzusprechen und konsequent in ein Projekt zu überführen. Meine erste Ausbildung der Innenarchitektur in der Republik Moldau hat mich dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, ein Gebäude so zu gestalten, dass es auch mit einfachen Mitteln umgebaut oder umgenutzt werden kann. In meinem Masterstudium an der ETH Zürich konnte ich diese Aspekte wieder aufgreifen, etwa in Studios von Jan de Vylder oder Barbara Buser. Ihr Ansatz, sich mit Wiederverwendung und dem Einsatz minimaler Mittel zu beschäftigen, hat mich inspiriert. Ich habe gemerkt, dass Architektur mehr sein kann, als nur neu zu bauen. Die Frage, wie viel ich vorgebe und wie viel ich für eventuelle Nutzerinnen und Nutzer offenlasse, war ein wichtiges Thema meiner Masterarbeit.


Während der Jurierung gab die Arbeit auch aufgrund ihrer feinen Darstellung mit Handskizzen zu reden, im positiven Sinn. Inwiefern ist die Darstellungstechnik Teil des Entwurfs?

Ich hatte den Anspruch, auch Menschen anzusprechen, die nicht aus der Architektur kommen, daher waren die Bilder extrem wichtig. Ich wollte mit dieser Arbeit auch meine eigene Handschrift und meine Haltung als Architektin finden. Die Perspektiven sind von Hand und mit Bleistift gezeichnet, haben keine Farbe, keine Textur, keine Materialität. Das hat mir ermöglicht, eine konkrete Vorstellung des Projekts zu erzeugen, ohne zu viele Vorgaben zu machen. Mit Collagen oder Renderings wäre das etwas ganz anderes gewesen. In der Ausstellung im S AM werden übrigens die Originalzeichnungen zu sehen sein.

Vom 25. Mai bis 25. August 2024 zeigt die Ausstellung «Sign of the Times» im Schweizerischen Architekturmuseum S AM in Basel in Zusammenarbeit mit der Berufsgruppe Architektur des SIA und dem Architekturrat der Schweiz die nominierten Ar­bei­ten der letzten beiden Aus­gaben des SIA Masterpreises Architektur. Die Arbeit «Hotel National – Arriving Back Home» von Olga Cobuscean ist ebenfalls zu sehen.

SIA Masterpreis Architektur online: Die Siegerprojekte der ver­gan­genen beiden Jahre finden Sie auf sia-masterpreis.ch oder in unserem E-Dossier.