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Silke Langenberg: «Alles hat einen Wert»
Silke Langenberg: «Alles hat einen Wert»
Silke Langenberg bietet an der ETH Zürich das Wahlfach «Reparatur» an. Die Studierenden müssen ein defektes Objekt mitbringen und dieses wieder instand stellen. So werden sie an die komplexen Problemstellungen von Erhaltungsprojekten herangeführt.
Interview: Marc Frochaux, Chefredaktor TRACÉS
Ihr Lehrstuhl an der ETH Zürich befasst sich mit den praktischen, theoretischen und historischen Aspekten der Denkmalpflege, etwa mit der Inventarisierung und Bewertung von Denkmälern. In diesem Rahmen bieten Sie einen praxisorientierten Kurs an, in dem Objekte repariert werden. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Reparatur ist in der Denkmalpflege ein gängiges Konzept. Es ist unumstritten, weil es dazu beiträgt, die Originalsubstanz zu erhalten, während sie bei Restaurierungen oder Rekonstruktionen naturgemäss ersetzt oder verändert wird. Wir haben aber festgestellt, dass der Reparaturfähigkeit beim Bauen ein immer geringerer Stellenwert zukommt. Architektinnen und Architekten entwerfen Bauwerke, ohne an den langfristigen Unterhalt zu denken. Früher wurde ein Gebäude erstellt, nach einer ersten Nutzungsphase renoviert und repariert, bevor die nächste Nutzungsphase begann. Heute werden Gebäude allzu häufig schon nach der ersten Phase abgebrochen. In unserem Wahlfach geht es darum, Objekte in die nächste Phase zu bringen. Die Studierenden sollen langfristiger denken und lernen, wie etwas repariert oder allenfalls rückgebaut wird. Sie reparieren selber ein Objekt und werden sich dabei bewusst, wie schwierig es ist, etwas zu reparieren, das als unveränderbar konzipiert ist.
«Wir haben aber festgestellt, dass der Reparaturfähigkeit beim Bauen ein immer geringerer Stellenwert zukommt.»
Wie läuft der Kurs ab und welches Ziel verfolgen Sie damit?
Die Studierenden bringen ein beschädigtes Objekt mit und entwerfen ein Reparaturkonzept: Soll die Reparatur sichtbar sein oder nicht? Soll sie gar besonders hervorgehoben werden? Soll das Objekt danach anders wahrgenommen werden? Sie lernen auch, wie die Objekte gefertigt wurden, lernen historische Materialien und Fertigungstechniken kennen. Je nach Objekt greifen wir auf das Know-how von Handwerker:innen, Materialtechniker:innen, Designer:innen, Möbelhersteller:innen usw. zurück. Wir arbeiten auch mit FabLabs zusammen, wenn wir Ersatzteile anfertigen müssen. Es geht im Wahlfach aber nicht um die Objekte an sich, sondern um etwas Immaterielles: Es geht hauptsächlich darum, vorhandene Werte zu schätzen, sie wahrzunehmen, zu identifizieren und angemessen darauf zu reagieren. Das Ziel ist einerseits das Sammeln von konkreten Erfahrungen mit Reparaturen und andererseits der Transfer dieser Erfahrungen in die Architektur und die eigene berufliche Tätigkeit.
Wie geschieht dieser Transfer?
Wenn ich Ihnen jetzt beibringe, wie man entwirft, dann können Sie das im nächsten Semester vermutlich anwenden. Nach demselben Prinzip hoffe ich, dass die Studierenden, wenn sie diese Übung einmal gemacht haben, die Idee verstehen und sie auf die Architektur übertragen können. Ich habe das Fach auch schon in München auf Bachelorstufe angeboten. Im Masterstudium konnte ich anschliessend überprüfen, ob die Studierenden das Gelernte in den Atelierprojekten umsetzen. Es funktionierte sehr gut. Die Studierenden sind in diesem Punkt sowieso sehr kritisch, stellen Fragen zur Nachhaltigkeit, lehnen Abbrüche ab usw. Mittlerweile besuchen viele das Wahlfach, weil sie verstanden haben, dass die Methoden des Denkmalschutzes auch für nicht denkmalgeschützte Bauten geeignet sind. Wenn man alle Bauwerke so behandeln würde, als ob sie Denkmäler wären, würden die meisten wohl nicht abgerissen.
«Wenn man alle Bauwerke so behandeln würde, als ob sie Denkmäler wären, würden die meisten wohl nicht abgerissen.»
Es ist mir noch nicht ganz klar, wie Sie die Verbindung zwischen dieser Übung und der Denkmalbewertung herstellen. Wo beginnt bauliches Erbe und wo endet es?
Wenn wir von diesem Standpunkt ausgehen, müssen wir nur noch beurteilen, welche Werte für die Erhaltung eines Objekts ausschlaggebend sind. Je nach dem Grund für den Schutzstatus kann ich unterschiedlich mit einem Gebäude umgehen: Wenn es nur aus städtebaulichen Gründen geschützt ist, kann ich es entkernen. Wenn es aufgrund seiner besonderen Bauweise geschützt ist, dann steht der Erhalt des baulichen Konzepts im Vordergrund. Man sollte den Umbau eines Objekts nicht einfach deshalb verbieten, weil es unter Denkmalschutz steht: Viele jüngere Gebäude sind bewusst so konzipiert, dass sie umgebaut werden können, und müssen flexibel bleiben. Natürlich gibt es auch Bauten, die unbedingt in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten werden müssen, weil sie einen besonderen historischen oder kulturellen Wert haben.
Genau solche Fragen diskutieren wir mit den Studierenden im Seminar. Je nach Objekt, das sie mitbringen, und je nach dessen Wert sagen wir: «Lass das besser eine Fachperson restaurieren» – oder «Das ist wunderbar, ändere daran so wenig wie möglich, versuche so viel wie möglich zu erhalten» oder aber «Da steckt viel Material und viel Arbeit drin, die man nicht wegwerfen sollte, aber grundsätzlich darfst du daran alles ändern». Andere Objekte wiederum haben kaum materiellen Wert, aber ein gutes Design, dessen Charakter es zu erhalten gilt. Darum ist es wichtig, ein auf das Objekt und dessen Wert zugeschnittenes Konzept zu erarbeiten. Und dies führt uns direkt zu Fragestellungen der Denkmalpflege und des Bauens im Bestand.
Haben Sie vor, einen ähnlichen Reparatur-Kurs für architektonische Werke durchzuführen?
Die Idee besteht, doch sie ist vorläufig nur schwer umsetzbar. In einem anderen Wahlfach setzen wir aber Reparaturen vor Ort um: Im nächsten Herbstsemester reparieren wir mit den Studierenden ein Gästezimmer samt Mobiliar im Hotel Schatzalp in Davos. So lernen sie in situ, was man normalerweise in der Projektwerkstatt macht. Der Kurs trägt den Titel «Keep in place», weil es nicht um Wiederverwertung geht. Objekte wie Fenster, Türen usw. werden demontiert, repariert und dann wieder an der gleichen Stelle montiert. Wiederverwertung liegt im Moment sehr im Trend, aber ich sehe das teilweise kritisch. Unser Grundsatz ist: Zuerst «reduce», erst danach «reuse» und zuletzt «recycle».
Was müsste im Architekturstudium gelehrt werden?
In letzter Zeit beobachte ich, dass einige Studierende sich weigern, Aufgaben auszuführen, die in ihren Augen keinen Sinn ergeben. Wenn beispielsweise ein Wettbewerb für einen Ersatzneubau vorgesehen ist, planen sie stattdessen im Bestand und sagen: «Zerstören ist keine Option.» Und sie tun das mit grosser Überzeugung. Dieser kritische Geist ist meiner Meinung nach eine wichtige Qualität, die es zu entwickeln gilt.
Mir ist es wichtig, dass die Studierenden lernen, zu merken, wann sie etwas nicht selbst können, sondern Hilfe benötigen. Natürlich müssen auch gewisse manuelle Kompetenzen vermittelt werden, wie Entwürfe zeichnen oder Modelle bauen. Unsere Spezialität liegt sicher in der Anwendung der Grundsätze und der Literatur zur Denkmalpflege, in der Kenntnis der geltenden Bestimmungen. Aber das kann jeder schnell lernen. Es genügt, die «Leitsätze zur Denkmalpflege in der Schweiz» zu lesen. Unsere Lehre zielt darauf ab, die Dinge zu hinterfragen und zu verstehen, ein Buch nicht einfach zu lesen, sondern es kritisch zu lesen.
Wird die Hochschullehre Ihrer Meinung nach den heutigen und künftigen Bedürfnissen gerecht?
Ich denke, es wäre interessanter, wenn Studierende immer im Bestand entwerfen müssten. Viele Lehrstühle und Ateliers der ETH widmen sich dem Entwurf im Bau. Das ist gut, aber wenn wir in Zukunft weniger abbrechen wollen, braucht es mehr Konstruktion im Bau. Das ist viel schwieriger, aber wichtiger, denn es gehört zu unseren Aufgaben von heute und morgen. Ich spreche nicht von Statik oder Ähnlichem, sondern vom Konstruieren, davon, wie Dinge hergestellt und nach welchen Grundsätzen sie zusammengesetzt werden. Das Konstruieren sollte künftig einen grösseren Stellenwert haben als das Entwerfen. Die Forschung in diesem Bereich wird eine entscheidende Rolle spielen.
Können Sie uns ein Beispiel für die Forschung im Bereich Reparatur nennen?
Einer unserer Doktorierenden befasst sich mit Hightech-Fassaden. Er untersucht die Frage, wie Ersatzteile für diesen Fassadentyp hergestellt werden können, und zieht dafür Ingenieur:innen aus dem Bereich Maschinenbau und -technik hinzu, weil die Herstellerunternehmen oft nicht mehr existieren. Oft werden ganze Fassaden ersetzt, weil keine Ersatzteile mehr hergestellt oder vertrieben werden, dabei müssten vielleicht nur fünf Elemente ausgetauscht werden.