Beiträge
«50 % der neuen Programme haben einen Fokus auf Nachhaltigkeit»
«50 % der neuen Programme haben einen Fokus auf Nachhaltigkeit»
Gemäss Lukas Sigrist, Leiter der School for Continuing Education (SCE) der ETH Zürich, befinden sich Weiterbildungsprogramme aktuell im Wandel. Gründe dafür sind das Aufkommen der «Micro-Credentials», die Eigenfinanzierung von Studiengängen, die Veränderungen des rechtlichen Rahmens sowie neue Themenschwerpunkte.
28.11.2023 von Yony Santos, Architekt und Head of espazium.education.ch
Wie sieht die Roadmap Weiterbildung an der ETH Zürich aus?
Unsere derzeitige Priorität ist die Anwendung der Forschung im beruflichen Kontext. Um dies zu erreichen, arbeiten wir aktiv an der Entwicklung von spezialisierten Weiterbildungen, indem wir die zahlreichen ETH-Forschungsabteilungen nutzen und uns gleichzeitig bemühen, Programme anzubieten, die auf die grosse Nachfrage reagieren und langfristig nachhaltig sind.
Welche Kriterien bestimmen Ihr Bildungsangebot?
Die Schulungen decken hauptsächlich Bedürfnisse aus dem beruflichen Umfeld ab. Unternehmen beobachten in ihrer Branche rasante Entwicklungen, weshalb sie nach geeigneten Weiterbildungen suchen. Auf akademischer Seite können Lehrkräfte und Forschende schnell auf diese Anfragen reagieren und die passenden Schulungen bereitstellen.
In Bezug auf die Themen haben etwa 50 % der kürzlich eingeführten Programme einen starken Fokus auf Nachhaltigkeit und ökologischen Wandel. Wie zum Beispiel das CAS in Regenerative Systems, das einen ganzheitlichen Ansatz für Natur, Gebäude und nachhaltige Produktion verfolgt; das CAS in Climate Innovation, bei dem wir versuchen, Firmenchefs zu gewinnen, um ihnen zu zeigen, wie sie ihre Unternehmen in eine nachhaltigere Zukunft führen können oder der gemeinsam mit der Universität St. Gallen entwickelte MBA, eines der wenigen Angebote dieser Art, das eine Reflexion über die Zukunft der Nachhaltigkeit in der Bildung anstrebt.
Wie werden die Kurse derzeit finanziert? Warum unterstützt die ETH Zürich die berufliche Weiterbildung nicht mehr finanziell?
Dies ist ein sehr kontroverses Thema. Einerseits sind seit dem Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die Weiterbildung 2017 die Universitäten vom Bund damit beauftragt, lebenslange Weiterbildung zu gewährleisten, wobei festgelegt wurde, dass alle Programme finanziell selbsttragend sein müssen. Die ETH ist etwas flexibler und unterstützt weiterhin einige Kurse finanziell, wenn sie für unsere Schule strategisch wichtig sind oder eine gesellschaftliche Nachfrage besteht, die ein bestimmtes Programm besonders relevant macht. Wir stellen fest, dass die Programme, die wir in der Vergangenheit unterstützt haben, nach einigen Jahren finanziell tragfähig sind, wenn alles richtig gemacht wird, insbesondere in Bezug auf Kommunikation und Marketing. Auf dieser Ebene bemühen wir uns um neue Strategien, um mehr Teilnehmende anzuziehen. Es stimmt, dass die finanzielle Unterstützung vor 2017 manchmal grosszügiger ausfiel, während all diese Anstrengungen zur Förderung der Programme vielleicht nicht so wichtig waren wie heute.
Auf der anderen Seite stehen wir vor Budgetbeschränkungen, hauptsächlich aus politischen Gründen, die es schwieriger machen, die berufliche Weiterbildung finanziell zu unterstützen. Dies setzt die Programme unter einen gewissen Druck, da sie so kostengünstig wie möglich sein müssen, bei gleichbleibender Qualität. In diesem Sinne ist eine Besonderheit der ETH, dass wir mit unseren Weiterbildungsprogrammen keine grossen Gewinne erzielen wollen, solange sie eigenständig angeboten werden können. Wir wollen vor allem der Allgemeinheit dienen und die Kurse zu einem angemessenen Preis anbieten, um interessierten Personen die Möglichkeit zu geben, sich an unserer Institution weiterzubilden.
Bei neuen Studiengängen schauen wir uns die Zielgruppe sehr genau an und versuchen, die Risiken über ein bis zwei Jahre zu reduzieren. Wenn der Erfolg nicht sofort eintritt, der Studiengang aber Potenzial zeigt, sind wir bereit, ihn während dieser Aufbaujahre zu unterstützen.
Gibt es Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen?
Wir haben nicht dasselbe Geschäftsmodell. Für Fachhochschulen ist der wirtschaftliche Faktor viel wichtiger als für uns. Die Dozierenden werden oft gebeten, ein Weiterbildungsprogramm anzubieten. Dies ermöglicht den Bildungszentren, ihr Angebot zu erweitern, aber viele Studiengänge werden aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt. Wir wiederum versuchen, die tatsächlichen Kosten abzudecken, mit eher geringen Margen. Der Umsatz der beruflichen Weiterbildung macht nämlich weniger als 1 % des Gesamtbudgets der ETH aus.
Fachhochschulen staffeln ihr Angebot viel stärker. Ein MAS (Master of Advanced Studies) wird in mehrere CAS (Certificate of Advanced Studies) unterteilt, die unabhängig voneinander absolviert werden können. Wir sind diesbezüglich viel zurückhaltender. Wenn wir ein modulares Programm anbieten, müssen wir wirklich ein klares Lernziel haben, das beschreibt, was die Studierenden am Ende des Kurses tun oder erreichen können.
Was sind die wichtigsten Entwicklungen im Bereich der Weiterbildung?
Vor einigen Jahren waren die Weiterbildungsprogramme etwas abseits von den grundständigen Bachelor- und Masterprogrammen positioniert. Bei der Gründung der School for Continuing Education (SCE) 2018 haben wir sowohl intern als auch extern die institutionelle Botschaft gesendet, dass die Weiterbildung ein integraler Bestandteil der Bildung ist. Diese Strategie hat sich ausgezahlt. Seit dem Start der SCE hat sich die Anzahl der Angebote mehr als verdoppelt und wir haben sowohl innerhalb der ETH als auch ausserhalb unserer Community viel an Sichtbarkeit gewonnen.
Wir stellen zudem fest, dass oft dieselben Personen, die in der Grundausbildung unterrichten, auch die Weiterbildungskurse leiten. Warum diese beiden Bildungsrealitäten also nicht näher zusammenbringen? Unser nächster Schritt besteht darin, eine Reflexion über lebenslanges Lernen anzustossen und dabei diese Vision zu stärken. Aus unserer Sicht sind die Grundausbildungen eine Basis für den Einstieg in einen Beruf, während die Weiterbildung dazu dienen soll, Lücken im beruflichen Alltag zu erkennen und zu schliessen. Auf gesetzlicher Ebene bedeutet dies, dass die bisher durch das Gesetz vorgeschriebene strikte Trennung zwischen Erstausbildung und Weiterbildung nicht mehr möglich ist.
Welche Herausforderungen kommen auf die Weiterbildung zu?
Es gibt einen Trend, Studiengänge in kürzere Programme, sogenannte «Micro-Credentials», aufzuteilen. Diese Kurse, die mit 1 bis 9 ECTS-Punkten bewertet werden, sind flexibler und zielen auf spezifischere Themen ab, mit zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten, wie z. B. Zugang zur Universität, Vertiefung neuer Themen oder schnellere Neuausrichtung. Da CAS-Programme in der Weiterbildung 10 bis 30 ECTS-Punkte umfassen, besteht die Schwierigkeit darin, diese «Micro-Credentials» genau zu definieren und in das bestehende System zu integrieren. Dies ist eine grosse Herausforderung für die Universitäten, da diese Mikrozertifikate noch nicht in den Lehrplänen des nationalen Bildungssystems integriert sind.
Wie werden Sie die «Micro-Credentials» implementieren?
Alle Universitäten sind frei, ihr eigenes System einzuführen, aber der Verband universitärer Weiterbildungsanbieter, Swissuni, hat ein erstes Positionspapier zu «Micro-Credentials» vorgestellt. Arbeitsgruppen untersuchen dann, wie diese Weiterbildungen in das bestehende System integriert werden können und machen Vorschläge an die verschiedenen Bildungsdelegationen, um diese Fragen auf politischer Ebene anzugehen.
Welche Bilanz können Sie in Bezug auf Qualität und Quantität ziehen?
Um die Bandbreite und die Qualität unserer Programme zu messen, führen wir Folgestudien durch, um zu verstehen, was die Studierenden fünf Jahre nach Abschluss eines Weiterbildungsprogramms tun. Zum Beispiel haben wir festgestellt, dass viele Lehrer im Bereich der Baukultur einen MAS-Abschluss in Geschichte und Theorie der Architektur haben.
Was das Wachstum betrifft, so steigt zwar die Zahl der Programme, insbesondere der CAS-Programme, doch die Anzahl der Teilnehmenden nimmt nicht proportional zu. Wir wollen vor allem die angebotenen Weiterbildungen durch eine Erhöhung der Teilnehmerzahl stärken, anstatt noch mehr Programme hinzuzufügen. Dennoch werden wir weiterhin neue Angebote lancieren, je nach Möglichkeiten und spezifischer Nachfrage. Im Bereich der Baukultur könnten die Kulturbotschaft und die strategische Ausrichtung der Kulturpolitik des Bundes für die Finanzierungsperiode 2025 bis 2028 ein Anstoss für neue Angebote sein.
Welche Rolle spielt die Baukultur im Weiterbildungskatalog der ETH?
Das Architekturdepartement ist ein bedeutender Anbieter von Weiterbildungsprogrammen, so auch zum übergreifenden Thema Baukultur. Etwa 7.5 % der an der ETH angebotenen Programme behandeln Aspekte, die ganz oder in Teilen die Baukultur betreffen. Ausserdem führen wir Gespräche über ein neues Bildungsangebot.
Lukas Sigrist ist seit August 2019 Leiter der School for Continuing Education (SCE). Zuvor war er als Projektleiter für die «Continuing Education Roadmap» zuständig. Er ist seit 2007 an der ETH Zürich und hat einen Abschluss in Chemie sowie ein Doktortitel in anorganischer Chemie. Er ist ausserdem Vizepräsident des Vereins Swissuni – Universitäre Weiterbildung Schweiz.
School for Continuing Education
Aktuell an der ETH Zürich angebotene Weiterbildungen im Bereich Baukultur:
Programme und Kurse
Forum Weiterbildung 2024
Wie sieht die Zukunft der Weiterbildung aus? Das Forum Weiterbildung vom 23. April 2024 steht unter dem Motto «Perspektiven und Ausblicke».
Informationen zur Veranstaltung gibt es hier.