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Die Greencity und ihr nachhaltiger Mehrwert
Die Greencity und ihr nachhaltiger Mehrwert
«Greencity» – das klingt nach einem grossen Versprechen. Die Vermarktung stellt ein vielfältiges, attraktives und vor allem nachhaltiges Stadtquartier in Aussicht. Üppiger Grünraum, dichte Urbanität und Gestaltungsmöglichkeiten sind Teil des Programms. Doch welches Resümee lässt sich für Zürichs «Vorzeige-Ökoprojekt»1 heute ziehen?
In den kommenden Wochen stellen wir auf espazium fünf ausgewählte Architekturkritiken der Studierenden des MAS GTA ETH vor. Sie beschäftigen sich mit der Greencity und wie Steuern dort die gebaute Umwelt prägen. Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Text: Manuela König
Im Planungsprozess – einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren – wurde mit einer Vielzahl von Beteiligten über die Gestaltung und somit auch den (Mehr-)Wert des neuen Quartiers debattiert. Dabei war der Anspruch an Nachhaltigkeit, Qualitätsstandards und Herstellung von attraktivem, bezahlbarem Wohnraum sehr hoch angesetzt. Der partizipative Prozess und die konstruktive Entscheidungsfindung von Bauträgern, Genossenschaften und der Stadt wurden vielfach gelobt. Er dient nun als Vorbild für weitere Quartierentwicklungen der Stadt Zürich und war prägend für das neue Planungswerkzeug des Mehrwertausgleichs. Aber wie lässt sich nun das Ergebnis bewerten? Welcher Mehrwert wurde geschaffen und vor allem: für wen?
Zwei unterschiedliche Definitionen von «Green»
Betrachtet man die Vorstellungen der Stadt und diejenigen des Arealentwicklers Losinger Marazzi hinsichtlich des anvisierten Mehrwerts für das neue Quartier, wird schnell klar, dass sie stark auseinandergehen: Während die Stadt die Qualität in der Nähe zum umliegenden Grün sieht und den «üppigen Baumbestand und weite Wiesen- und Kiesflächen»2 in das Quartier hineinziehen möchte, sieht Losinger Marazzi die Essenz einer grünen Stadt vorrangig in «Energieeffizienz und Umweltbewusstsein»3.
Diese Divergenz der Ziel- und Wertevorstellungen lässt sich im Ergebnis klar ablesen: Statt üppigem Grün begegnet man in der Greencity nur punktuellen, minimal gehaltenen, zum Teil eingezäunten oder schlecht nutzbaren Grünflächen. Diese schaffen weder attraktive Aufenthaltsqualitäten noch Gestaltungsmöglichkeiten für die Anwohnenden. In ausgewiesenen Spielflächen zeigt sich zwar eine kinderfreundliche Freiraumgestaltung, dennoch präsentiert sich das Quartier hauptsächlich als breite, verkehrsberuhigte und grösstenteils ungenutzte Erschliessungsfläche. Sie schneidet sich durch das gesamte Areal hindurch und vermittelt die Anmutung einer Einkaufsstrasse. Flächendeckende Hecken, abgezäunte Parkflächen und triste Kiesflächen markieren die Präsenz von Grünanlagen. Doch statt einladend wirken sie abweisend, teilweise sogar unattraktiv. Weder auf dem zentralen Spinnereiplatz – durch die Bahnstation das Eingangstor des Quartiers – noch auf den Grünflächen der Hinterhöfe tragen die sparsam angeordneten Sitzmöglichkeiten zur Belebung des Quartiers bei. «Green» ist die vermeintliche «City» also eher hinsichtlich der Energiesparwerte, an die die Bewohner per Greencity-App für einen sparsamen Energieverbrauch erinnert werden.4
Die Suche nach Urbanität in der «City»
Einigkeit von Stadt und Unternehmer herrscht im gemeinsamen Bestreben, das Gefühl von hoher Dichte und Urbanität in das Quartier zu bringen. Doch machen «präzis gesetzte und sorgfältig gestaltete Hochhäuser»5, «Einkaufs- und Freizeitnutzungen, die den öffentlichen Raum beleben»5, sowie «autofreie und Temporeduktionszonen»7 Urbanität aus? Urbanität entsteht doch in einem Prozess des Wachstums, der Raumaneignung, der Verdichtung von Zeitschichten bestehender und neuer Strukturen und einer präsenten Kultur- und Kreativszene. Weder in den tief verschatteten Zwischenräumen der Bürobauten mit den abweisenden Fassaden am nördlichen Quartiersrand noch am zentralen Spinnereiplatz ist diese urbane Qualität zu finden. Der versprochene Mehrwert wurde mit der «Greencity» nicht geschaffen – zumindest nicht für die Bewohnerinnen und Bewohner.
Manuela König ist Architektin und Szenografin und absolviert derzeit den MAS GTA ETH im 3. Semester. Ihr inhaltlicher Fokus liegt bei der Konzeption, Gestaltung und Umsetzung von Ausstellungsarchitekturen, besonders im Kontext denkmalgeschützer Bestands-. und Kulturbauten. In ihrer Masterarbeit untersucht sie Raumvorstellungen im Zusammenhang von Fashion Shows.
[1] Richard Liechti, «Gemeinsam zum Erfolg», in: Wohnen, Band 87, Heft 5, 2012, S. 22.
[2] Stadt Zürich Hochbaudepartement Amt für Städtebau (AfS), Kooperative Entwicklungsplanung Manegg, S.7.
[3] Losinger Marazzi, Greencity, Nachhaltiges Quartier mit Mischnutzung, 2017, S.1.
[4] Losinger Marazzi, Greencity, Nachhaltiges Quartier mit Mischnutzung, S.2.
[5] Stadt Zürich Hochbaudepartement Amt für Städtebau (AfS, Kooperative Entwicklungsplanung Manegg, S.6.
[6] Losinger Marazzi, Greencity, Nachhaltiges Quartier mit Mischnutzung, S.2.
[7] Losinger Marazzi, Greencity, Nachhaltiges Quartier mit Mischnutzung, S.1.