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Schweizer Klimaziel Netto-Null bis 2050 genügt nicht

Publiziert 14. Oktober 2022

Schweizer Klimaziel Netto-Null bis 2050 genügt nicht

Mit Netto-Null bis 2050 erreicht die Schweiz das 1.5-Grad-Ziel nicht. Wenn sie einen angemessenen Beitrag leisten will, muss sie deutlich rascher handeln – und könnte wirtschaftlich sogar profitieren. Dies zeigt eine neue ZHAW-Studie.

Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden und die Treibhausgasemissionen auf null zu reduzieren. Mit dem Netto-Null-Ziel 2050 will der Bundesrat sicherstellen, dass die Schweiz ihren Beitrag leistet, damit die globale Klimaerwärmung auf 1.5 Grad begrenzt wird. In einer neuen Studie hat Jürg Rohrer, Leiter der ZHAW-Forschungsgruppe Erneuerbare Energien am Departement Life Sciences und Facility Management, die Zusammenhänge zwischen CO2-Budget der einzelnen Länder und globaler Erwärmung untersucht. Bezüglich der Schweiz kommt er zum Schluss: Netto-Null bis 2050 reicht nicht.

Eine Frage der (gerechten) Verteilung

Die entscheidende Frage ist, wie das globale CO2-Budget auf die Länder verteilt wird. Wer darf noch wie viel Treibhausgase ausstossen, damit das 1.5-Grad-Ziel erreichbar bleibt? «Bei einer Aufteilung des weltweiten CO2-Budgets auf die einzelnen Länder nach Bevölkerungszahlen müsste die Schweiz Netto-Null bis 2035 erreichen, vorausgesetzt, die Emissionen werden ab sofort und linear reduziert», sagt ZHAW-Forscher Jürg Rohrer. Die Energieperspektiven des Bundes zielen jedoch auf Netto-Null bis 2050 ab. Unter der Annahme, dass sich der Rest der Welt vergleichbare Ziele setzt, könnte damit lediglich eine Begrenzung auf 1.7 bis 2 Grad erreicht werden. Schweizer Szenarien für ein früheres Erreichen des Ziels als 2050 gibt es keine.

Industriestaaten in der Verantwortung

Mit dem Netto-Null-Ziel bis 2050 nimmt die Schweiz für sich in Anspruch, dass ihr auch für die nächsten dreissig Jahre ein grösseres Budget zur Verfügung steht als jenen Ländern, die bisher weniger emittiert haben. Denn diese müssten ihre vergleichsweise bescheideneren Emissionen ebenfalls bis 2050 auf null senken. Damit dürften jene, welche die Klimaerwärmung primär verursacht haben, weiterhin mehr dazu beitragen. Oder bildlich gesprochen: Wer sich bisher die grossen Kuchenstücke gesichert hat, bekommt auch vom Rest den grössten Teil. Für Länder mit geringen pro-Kopf-Emissionen stellt sich laut Rohrer die Frage der Fairness: «Denn die fossilen Energien sind ein wichtiger Grund für den Wohlstand von Ländern wie der Schweiz. Ein Teil dieses Geldes müsste in Strategien und Technologien für die Umstellung investiert werden, damit ärmere Länder diese übernehmen könnten.»

Kurswechsel würde sich lohnen

Anstatt ihre Emissionen bis 2050 auf null zu reduzieren, müsste sich deshalb die Schweiz ein Netto-Null-Ziel bis 2035 setzen und die entsprechenden Transformationen in Angriff nehmen. Das Energiesystem muss also deutlich schneller dekarbonisiert werden. Frühere Studien haben gezeigt, dass dies nicht nur machbar ist, sondern sich volkswirtschaftlich sogar auszahlen würde.

Im Rahmen der Beratung des Stromversorgungs- und des Energiegesetzes diskutiert das Parlament derzeit über ein verbindliches Ausbauziel für Strom aus neuen erneuerbaren Energien von 35 Terawattstunden bis 2035. Dies ist ein wesentlich rascherer Umstieg auf erneuerbare Energien als vom Bundesrat vorgeschlagen – bisher waren 17 Terawattstunden als unverbindlicher Richtwert vorgesehen. Gemäss Jürg Rohrer ist dies ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um das Netto-Null Ziel bereits vor 2050 zu erreichen. Es müssten aber weitere Massnahmen und vor allem eine Änderung des Ziels auf Netto-Null bis 2035 erfolgen.

Kontakt

Prof. Jürg Rohrer, Leiter Forschungsgruppe Erneuerbare Energien, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen, ZHAW-Departement Life Sciences und Facility Management, Tel. 058 934 54 33, juerg.rohrer [at] zhaw.ch