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«Re-use hat ei­ne kul­tu­rel­le Di­men­si­on»

Publiziert 13. Oktober 2020

Das Ziel ist nicht ein Neubau: Martin und Anja Fröhlich lehren den Architektur-Studierenden an der EPF Lausanne das Denken in Kategorien der Wiederverwendung. Sie machen sich Gedanken über Umnutzungen und bauen eigenhändig Pavillons.

Herr Fröhlich, Sie forschen mit dem Laboratory of Elementary Architecture and Studies of Types (EAST) an der EPFL zum nachhaltigen Bauen, namentlich zur Wiederverwendung von Materialien. Woher kommt Ihr Interesse an diesem Thema?

Mein Bruder und ich wurden von der Nachkriegsgeneration erzogen – einer Generation, der die Langlebigkeit ein besonderes Anliegen war. Ich denke also, uns wurde dieses Bewusstsein in die Wiege gelegt. In unserem Büro AFF Architekten war denn die Wiederverwendbarkeit ganz normaler Teil der alltäglichen Planungskultur; wir gaben einfach kein Label dafür. Einige unserer Kunden mussten auf das Budget achten, anderen war der ökologische Fussabdruck wichtig.
Als wir vor acht Jahren an der EPF in Lausanne anfingen, merkten wir schnell, dass es sich lohnt, das Re-use-Denken möglichst früh in die Ausbildung künftiger Architektinnen und Architekten zu integrieren. Was für uns ganz selbstverständlich war, kannten viele der Studierenden gar nicht. Inzwischen hat es sich etabliert.

Spüren Sie bei Ihren Studierenden eine zunehmende Sensibilisierung für die Themen Ressourcenschonung und Klimawandel?

Die Studierenden sind sehr offen und begrüssen es, dass wir Re-use zum Thema machen. Da reichen sich beide Interessenlagen die Hand: Sie wollen mehr wissen über etwas, das wir vermitteln können.

Wie muss man sich den Ablauf eines Semesters beim Studio EAST vorstellen? Machen Sie sich zuerst auf die Suche nach Baumaterial, das Sie weiterverwenden können?

Im ersten Semester machen sich die Studierenden typologische Gedanken über die Nachnutzung bestehender Bauten. Wie kann eine Fabrikhalle anders genutzt werden, wie ein Bürohaus? Wie kann ich eine bestimmte Typologie neu denken? Das Ziel ist also nicht der Neubau, sondern zunächst einmal die Wiederverwendung eines bestehenden Gebäudes. Mit dieser Ausrichtung unterscheiden wir uns bereits von vielen Entwurfsstudios, nicht nur an der EPFL.
Im zweiten Semester geht es konkret zur Sache: Die Studierenden planen und bauen gemeinsam einen Pavillon, also richtig mit Axt, Säge und Hammer. Natürlich achten wir darauf, dass möglichst zu hundert Prozent wiederverwendete Materialien gebraucht werden, und dass die Pavillons tatsächlich genutzt werden. Ein besonders schönes Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Pavillon, den wir zusammen mit dem Zoo de Servion realisieren konnten – ein Freiluft-Klassenzimmer für die Schulen, die den Zoo regelmässig besuchen.

Re-use in der Architektur wird schnell mit einer Do-it-yourself-Ästhetik verbunden. Bei den Pavillons des Studios EAST ist das aber nicht zu erkennen. Was machen Sie anders?

Neben den ökologischen und ökonomischen Faktoren, die ich oben genannt habe, muss das Prinzip Re-use unbedingt auch als kulturelle und ästhetische Dimension verankert werden. Wir müssen Form heute anders verhandeln: Gut möglich, dass sie kulturell bedingt ist, manchmal aber auch aus einer sozialen Situation oder von der Umwelt her. Wichtig ist einfach, dass das eine das andere nicht ausschliesst. Im Studio EAST schauen wir uns auf der ganzen Welt nach Referenzen um und sehen dabei, wie in anderen Kulturkreisen Re-Use eine normale kulturelle Praxis ist.

In Lugano wird demnächst die Ausstellung «Rather than – sustainable design principles» eröffnet. Was wird dort gezeigt?

Die Ausstellung rekapituliert die Ideen- und Entstehungsgeschichte der EAST-Pavillons. Wir rollen nochmals alle Referenzen auf und sprechen über Material und Form, vor allem aber auch über Wissen, Erfahrung, Vermittlung und Ausbildung. Denn das ist das Wichtigste: dass wir voneinander lernen.