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Master zu digitalem Bauen: Braucht’s das?

Publiziert 19. Oktober 2022

Master zu digitalem Bauen: Braucht’s das?

Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) bietet seit 2021 einen neuen Master-Studiengang zu digitalem Bauen an, den Master in Virtual Design and Construction. Nach dem ersten Durchführungsjahr ist es Zeit für ein erstes Fazit: Wozu dient der Master? Was und wie lernt man da? Und was sagen Studierende zum neuen Angebot?

Neue digitale Werkzeuge sind das eine – um dank diesen auch nachhaltiger und effizienter zu arbeiten, braucht es auch Wissen zu neuen Formen der Zusammenarbeit, neuen Herangehensweisen und dazu, wie ein neues Mindset in die Baubranche kommt. Hier setzt der Master-Studiengang MSc FHNW in Virtual Design and Construction (VDC) der FHNW an. Einmalig im deutschsprachigen Raum kombiniert er den Einsatz von neuen Technologien mit geeigneten Organisations- und Prozessformen in der Baubranche.

Projekte auf Basis von Bau- und Bewirtschaftungsprozessen

Wichtiges Element des Studiums sind die sogenannten «Integrationsprojekte» in enger Zusammenarbeit mit Firmen aus der Praxis, bei denen Studierende des MSc FHNW VDC reale Fragestellungen aus der Baubranche aufgreifen und ihr neu erlerntes Fachwissen einbringen. Als Beispiel kann die Zusammenarbeit mit dem Impact Hub Zürich genannt werden: Das Unternehmen setzt sich für neue Formen der Zusammenarbeit wie Kollaboration ein und kam auf die Studierenden zu, weil es als Nutzerin bei einer Gesamtsanierung beteiligt ist. In Gruppen erarbeiteten die Studierenden des MSc FHNW VDC mögliche Lösungen für das Anliegen des Unternehmens. Studentin und Architektin Maria Hischier hielt dazu fest: «Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Zusammenarbeit bei Bauprojekten grossen Optimierungsbedarf hat. Grund dafür sind die statischen und veralteten Organisationsformen, die heute vorherrschen. Das junge, innovative Impact Hub kann sich in diesen alten Hierarchien nicht entfalten.» Im Rahmen des Integrationsprojektes hat sie deshalb mittels Literaturrecherche und Interviews Organisationsformen untersucht und den Fokus auf neue, agile Modelle gelegt. Auf dieser Grundlage hat sie für das Impact Hub Zürich einen Alternativvorschlag für die Zusammenarbeit und Organisation erarbeitet.

Verknüpfung von technischen und sozialen Aspekten

Dabei konnte Maria Hischier auch von der Teamarbeit im Studiengang profitieren: «Das grossartige ist, dass ich nicht nur auf meine eigene Praxiserfahrung, sondern auch auf das gesamte interdisziplinäre Fachwissen meiner Mitstudierenden zurückgreifen konnte.» Genau diese Interdisziplinarität macht den Studiengang MSc FHNW VDC aus. Gleich zwei völlig unterschiedliche Hochschulen bringen ihr Fachwissen ein: Nebst der Hochschule für Architektur Bau und Geomatik FHNW mit dem Institut für Digitales Bauen wirkt auch die Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, führende Ausbildungsstätte für Arbeits- und Organisationspsychologie in der Schweiz, mit. Diese Kombination von technischen und sozialen Aspekten ist in der Schweiz und im umliegenden Ausland einzigartig. «Eine Überraschung im ersten Semester war für mich der Einfluss der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW. Als eher technisch versierter Mensch war ich zu Beginn skeptisch, wie sich dieser Einfluss äussern würde. Schnell hat sich allerdings herausgestellt, dass technische Werkzeuge die zwischenmenschlichen Probleme in der Planung oder auf der Baustelle nicht lösen können», berichtet Student Thomas Beiner.

Studienreise nach Oslo

Eine internationale Studienreise ist fester Bestandteil des Curriculums. Die erste Reise führte nach Oslo, Norwegen. Dort fand eine Woche lang ein intensiver Austausch mit verschiedenen Fachexpert*innen statt. Die skandinavischen Länder gelten als Vorreiter der digitalen Transformation im Bauwesen. «Bei all diesen Einblicken, die wir erhalten haben, war für mich am eindrücklichsten, wie viel Vertrauen die Projekt- und Vertragspartner sich in Norwegen entgegenbringen. Das zeigt einfach, dass nicht alles über die neusten digitalen Tools gelöst werden kann. Vielmehr braucht es einen Kulturwandel, bei dem gemeinsam für- statt gegeneinander Bauprojekte realisiert werden», berichtet Student Lucien Zenners über die Studienreise. Dieser Kulturwandel wird auch im Studienalltag gelebt: Dozierende und Studierende begegnen sich auf Augenhöhe und agieren in Lern-Teams. «Ich schätze die flachen Hierarchien in diesem Studiengang sehr. Anfangs konnte ich mir nicht vorstellen, wie Studierende und Dozierende eine Gemeinschaft bilden, die voneinander lernt. Dieser etwas andere Ansatz hat mich positiv überrascht», resümiert Student Alessandro Schneider.

Der Master-Studiengang MSc FHNW in Virtual Design and Construction startet jährlich im Herbst. Mehr unter: www.fhnw.ch/msc-vdc