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«Ver­misst wird das Big Pic­tu­re»

Publiziert 16. April 2020

In nur einer Woche hat das Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der ZHAW komplett auf Online-Unterricht umgestellt. Direktorin Oya Atalay Franck berichtet.

Espazium: Frau Atalay Franck, wie findet derzeit die Lehre am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der ZHAW statt?

Oya Atalay Franck: Online – der Präsenzunterricht ist seit dem 16. März eingestellt. Wir betreuen die Studierenden ohne physischen Kontakt. Nach einer ausserordentlichen einwöchigen Unterrichtspause, in der wir von Präsenz- auf Online-Unterricht umstellten, haben alle Studierenden und Dozierenden das Frühlingssemester wiederaufgenommen – nur eben nicht mehr in der Halle 180. 

Wir wollen Qualität und Intensität des Unterrichts so weit als möglich beibehalten. Die unterschiedlichen Module mit ihren spezifischen Unterrichtsformen – Studio, Projektunterricht, Vorlesungen, Seminare – laufen mit digitalen Unterrichtsmitteln normal weiter.


Wie funktioniert das konkret?

Die Studierenden arbeiten wie bis anhin teils mit analogen, teils mit digitalen Werkzeugen. Der Projektunterricht in den Entwurfsfächern findet über digitale Kommunikationsmittel statt, die den Diskurs und den Austausch unter den Teilnehmenden zulassen. Dadurch können fast wie sonst kleine Gruppengespräche, aber auch grosse Kritiken mit 20 oder mehr Studierenden geführt werden. 

Die digitale Transformation, über die man in den letzten Jahren und Monaten diskutierte,ist plötzlich geschehen: fast wie eine Revolution, die still und leise «über Nacht» stattgefunden hat. Auf einmal ist der Alltag ganz anders, aber unter diesen Prämissen irgendwie auch rasch selbstverständlich geworden.


Im Entwurf sind physische Arbeitswerkzeuge zentral, etwa Skizzen und Modelle; ebenso die Diskussionen um das Modell und das gemeinsame Skizzieren. Wie kann man all das durch digitale Tools ersetzen?

Wir lernen laufend dazu. Auch in der digitalen Kommunikation dienen Skizzen und Pläne als Gesprächsgrundlage. Einzig das Arbeiten mit Modellen kann nicht in gleicher Form wie bis anhin in den Unterricht eingebunden werden, weil Real-Time-Eingriffe ins Modell nicht möglich sind. Deshalb setzen wir vermehrt einfachere Arbeitsmodelle per Video zeitgleich in Szene und diskutieren sie im Plenum. 

Auch mit externen Expertinnen und Experten kann man alles in Online-Konferenzen besprechen. Natürlich fehlt der «physische» Aspekt des Modells, der Zeichnung, und natürlich wäre auch die körperliche Präsenz der Menschen wichtig. Digitale Kommunikationsmittel beherrschen nicht alle Facetten der Kommunikation – Stichwort Körpersprache – gleich gut. Wir versuchen aber, das Beste daraus zu machen, und wie gesagt, wir lernen viel dabei. 

Es ist klar: Die rein zweidimensionale Kommunikation über Computer- und Handybildschirme ist für manche Unterrichtselemente nur eine vorübergehende Lösung. Und ebenso klar ist: Eine Rückkehr zum vollständig analogen Unterricht wird es nach der Aufhebung der Ausnahmesituation nicht mehr geben.


Wie kommen diese Tools bei den Studierenden und Dozierenden an?

Die Studierenden sind fast alle «digital natives» und den Umgang mit digitalen Tools bereits gewohnt. Die Dozierenden haben sich mit viel Engagement der Tools angenommen und nutzen sie schon recht routiniert. Wie erwähnt haben wir innerhalb einer Woche die Lehre auf 100% Online-Unterricht umgestellt. 

Den Studierenden fehlt – wen wundert’s – der persönliche Austausch untereinander; dafür braucht es neue Gefässe. Vermisst wird auch – so die Rückmeldungen – die handwerkliche und dialogische Arbeit an den Modellen. Diagramme sind dafür wichtiger geworden. Zum Teil kommt die Auseinandersetzung mit den konstruktiven Details im digitalen Unterricht etwas zu kurz. 

Was auch vermisst wird: die grossformatigen Zeichnungen und das «Big Picture», wenn alle Illustrationen versammelt an den Stellwänden hängen. Diese eindrückliche Menge an Informationen – alles synoptisch überschaubar! Die Arbeit an den Abschlussarbeiten und die Tischkritiken mit Gästen laufen demgegenüber sehr gut.


Hat dieses forcierte Arbeiten mit digitalen Werkzeugen auch Vorteile?

Manche Diskussionen scheinen digital besser strukturiert zu sein, was vielleicht dem Zeitdruck, aber auch der nötigen Konzentration geschuldet ist. Der Unterricht mit digitalen Hilfsmitteln generiert zuerst einen grösseren Aufwand für die Dozierenden, und er bedingt recht rigide Strukturen für den Projektunterricht. Er triggert aber einen wichtigen Lernprozess.

Als international vernetzte Schule profitieren wir zudem vom Austausch mit unseren Kolleginnen und Kollegen an den Hochschulen anderer Länder – etwa dem Politecnico in Mailand, wo die Pandemie gewaltiger und früher aufgetreten ist als bei uns. Wir erhielten wertvolle praktische Hinweise und Erfahrungsberichte, die uns weitergebracht haben.


Haben diese Umstellungen Konsequenzen für die fachliche Ausbildung der Studierenden oder deren bevorstehenden Eintritt in die Berufswelt?

Keine negativen, davon bin ich überzeugt. Im Gegenteil: Wir Architektinnen und Architekten nutzen seit Langem digitale Tools, in der Lehre und in der Praxis. Unsere Abgängerinnen und Abgänger werden nun noch versierter sein im Umgang damit, als sie es nach einem «normalen» Studium bei uns schon wären. Sie erweitern ihre Kompetenzen.


Und in der Weiterbildung?

Auch dort war eine grosse Umstellung nötig: Ein Teil der Angebote wurde auf digitalen Unterricht umgestellt; jene Unterrichtstage, die Kontaktunterricht erfordern, haben wir hingegen auf den Zeitraum nach den Sommerferien verschoben.


Wie ist die Stimmung im Team?

Wir sind sehr pragmatisch und konstruktiv mit der Lage umgegangen. Alle Mitarbeitenden haben einen enormen Effort geleistet, um die kurzfristige Umstellung von Präsenz- auf Online-Unterricht zu ermöglichen. Die Übergangsphase forderte teilweise fast eine «Rund-um-die-Uhr»-Einsatzbereitschaft und ein Riesenengagement. Das Team hat den Stresstest sehr gut bestanden. Schulleitung und Lehrkörper sind sogar noch näher zusammengerückt, so mein Eindruck. 

Das Bewusstsein, dass wir alle dasselbe Ziel verfolgen, sorgt für eine sehr positive, hoch motivierte Stimmung im Team: Wir sind auch unter den gegebenen Umständen einer qualitativ hochstehenden Aus- und Weiterbildung sowie Forschung verpflichtet. Ich bin stolz, dass unser Departement es geschafft hat, den Betrieb so schnell und flexibel sicherzustellen. In den nächsten Wochen und Monaten wird vieles für uns Neuland sein. Wir sehen das aber auch als Chance.


Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Krise für Ihre Hochschule?

Es ist zu früh, um darüber etwas aussagen zu können. Unser Departement ist eines von acht, eingebunden in die grosse ZHAW, da werden die wirtschaftlichen Folgen wohl etwas abgefedert. Die Lehre ist im Übrigen nur ein Bereich, der nun auch finanziell herausgefordert ist. Forschung, Weiterbildung und das Dienstleistungsangebot des Departements sind auch betroffen. 


Welche Unterstützung erwarten Sie von der öffentlichen Hand?

Das ist eine übergeordnete Frage, die die Fachhochschule als Ganzes betrifft und die auf einer übergeordneten Ebene adressiert werden muss. Wir müssen aber auch realistisch sein: Die Gesellschaft ist durch die Corona-Pandemie in wirklich allen Bereichen enorm herausgefordert; es ist nicht nur der tertiäre Bildungsbereich, der Hilfe braucht. Die Politik muss allen berechtigten Ansprüchen gleichermassen gerecht werden, nicht nur dem Bildungswesen – auch wenn uns das natürlich am nächsten liegt.
 

Zur Person:
Prof. Dr. Oya Atalay Franck ist Direktorin des Departements Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der ZHAW sowie Präsidentin der European Association for Architectural Education EAAE

Zum Departement:
Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur

  • Anzahl Studierende Bachelor Architektur/Bauingenieurwesen: 360
  • Anzahl Studierende Master Architektur/Bauingenieurwesen: 80
  • Anzahl Studierende Weiterbildung Architektur/Bauingenieurwesen: 65
  • Anzahl Mitarbeitende: 135

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