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Holzbautag Biel 2021: Holzbau – dem Klima zuliebe

Publiziert 01. Juni 2021

Weltweit verantwortet die Bauindustrie die Hälfte des Abfalls, 40% des naturgegebenen Ressourcenverbrauchs und 40% des Energieaufwands. Wie und mit was wir bauen ist also nicht gleichgültig. Eine mögliche Antwort darauf kann der Holzbau sein.

Am Holzbautag Biel, der Ende Mai 2021 online statt fand, haben Fachleute aus den Bereichen Klimaforschung, Architektur und Ingenieurwesen dargelegt, wie durch klimagerechte Bauweisen der Energieverbrauch im Bau und im Gebäudeunterhalt zu senken ist. Der Klimawandel verursacht globale und lokale Auswirkungen und verlangt entsprechende Handlungsstrategien. Der Holzbautag 2021 ordnete diese in das politische Umfeld ein und zeigte die Vorteile des Holzbaus. Themen waren «Gestaltung und Gebäudehülle», «Konstruktion und Technik» sowie «Kreislaufwirtschaft und Holzbau».

Klimawandel: global und lokal handeln

Die Veränderung des Klimas sei eindeutig betonte Reto Knutti (ETH Zürich, Professur für Klimapolitik). Allein der manifeste Rückzug der Gletscher spreche Bände. Eisbohrungen in der Antarktis zeigen einen extremen Anstieg (rund 50%) von Methan und CO2 seit der vorindustriellen Zeit. Dies verlange nach einem globalen und lokalen Handeln. Die Schweiz hat sich 2015 in Paris an der Klimakonferenz dazu verpflichtet, die Emissionen für Treibhausgase bis 2050 auf netto Null zu senken. Es frage sich, wer zu dieser anstehenden Veränderung beitragen müsse. Je nach Wahrnehmung sind die Antworten unterschiedlich. Der Schweiz komme aber eine Vorreiterrolle zu und es sei an uns allen, etwas zu tun.

Klimagerechte Architektur

Globale Fragen führen zu lokalen Möglichkeiten. Bei Neubauten könnten Erfahrungen aus traditionellen Bauweisen einfliessen: z.B. ein Schichten von beheizten und unbeheizten Raumschichten oder begrünte Dächer und Fassaden die das Mikroklima durchaus positiv zu beeinflussen vermögen. Grosse Bedeutung komme dem Gleichgewicht zwischen bebautem und dem belassenem Freiraum zu.

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Doch allein auf klare Anforderungen von Seite Bauträgern können Architekten mit ihren Entwürfen reagieren. So kommen heute erste Neubausiedlungen ohne Infrastruktur für Autos aus und tragen so beim Bau und bei der Nutzung wesentlich zum verminderten CO2-Ausstoss bei. Auch das neue öffentliche Beschaffungsrecht das nicht mehr allein den Preis im Fokus hat, sondern der Qualität der Leistung Raum verschafft (z.B. Lebenszykluskosten und Nachhaltigkeit), komme dem Bauen mit Holz entgegen. Die KBOB-Empfehlungen («Nachhaltiges Bauen mit Holz» und «Holzbau in der Immobilienstrategie») schaffen für die Holzwirtschaft in der Schweiz günstige Rahmenbedingungen.

Klimaschutz vernetzt

Alle Akteure – vom Bauherrn bis hin zum Architekten – sind verantwortlich um einen energieeffizienten Gebäude- und Infrastrukturpark mit Netto-Null Emissionen an Treibhausgas zu schaffen, betonte Christoph Starck, Geschäftsführer des SIA. Der SIA setzt sich für einen sparsamen Einsatz von Ressourcen und den Ausbau der Kreislaufwirtschaft ein. Sowohl Erneuerbare Energien und Versorgungssicherheit, effizienter Betrieb und Suffizienz seien prioritär. Klimafragen müssten bereits Teil der Planung sein.

Ein Schritt in dieser Richtung bildet das Projekt «Smart Living Lab» Fribourg, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für den Wohn- und Lebensraum der Zukunft. Das Wohlbefinden der Nutzer will sich hier mit Energieeffizienz und Digitalisierung verbinden. Derzeit plant ein interdisziplinäres Team ein 5000 m3 grosses Gebäude das neben der «Blue Factory» in Fribourg zu stehen kommt, eine Holzkonstruktion. Als experimentelles Gebäude ist es flexibel in der Nutzung und energetisch autonom. Geplant ist ein modulares Bauwerk das jederzeit neu strukturiert und neu zu nutzen ist. Bereits 2014 wurde für einen internationalen Wettbewerb ein Prototyp, ein kleiner Holzbau mit Solarpaneelen entwickelt («NeighborHub»). Er erhielt den ersten Preis.

Architektur, Klima und Holzbau

Wenn künftig zunehmend Hitzetage auftreten, dürften Fragen zum Raumklima wichtiger werden. Das Nutzungsverhalten sei letztlich massgeblich für ein angenehmes Raumklima wurde betont. Aber eine korrekte, einfallsreiche und intelligente Planung sei für klimatisch ausgeglichene Bauwerke fundamental.

Das kann, wie bei der Neubausiedlung Hagmann Areal in Winterthur-Seen mit ihren 52 Wohnungen durch eine Verbindung von Bestehendem mit Neuem erreicht werden, durch vorgesetzte grosszügige Balkone, die wie Sommerzimmer wirken. Oder auch wie beim Neubau des landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen in Salez durch den bewussten Verzicht auf viel Technik und den Einbezug der Nutzer in Bezug auf Lüftung. Nach der Tragstruktur sei die Haustechnik der zweitgrösste Posten in der Treibhausgasbilanz eines Gebäudes, bei einem Neubau zwischen 20–30%, bei Umbauten bis zu 40%. Gemäss SIA führen in der Regel architektonische Lösungen über den ganzen Lebenszyklus gesehen zu einer besseren Ökobilanz als technische Lösungen.

Kreislaufwirtschaft konkret

Im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft Materialien wiederzuverwenden scheint mit Holz einfach zu sein. Das trifft nur teilweise zu, denn die heute beliebten und gängigen holzbasierten Materialien wie Mehrschichtplatten oder Faserplatten bestehen oft aus unterschiedlichen Holzarten, enthalten Anteile an Klebstoffen oder Holzschutzmittel. In der Schweiz fällt jährlich eine Million Tonnen Altholz (2017) an, davon geht rund ein Drittel in den Export für Verbrennung oder auch stoffliche Verwertung. Das im Inland verbleibende Altholz wird grossteils verbrannt, eine stoffliche Wiederwendung ist marginal.

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Andere Lösungen sieht das baubüro in situ (Basel, Zürich, Liestal). Hier ist das Weiternutzen von Bauteilen Alltag. Fassaden von1000 m2 Fassade wurden aus wiederverwendeten Bauteilen erstellt, eine Aufstockung in Winterthur (Stiftung Abendrot, Lagerplatz) verwendet andernorts ausgebaute Aussentreppen, Bodenbelägen aus Holz, Und auch im «Nest», dem Experimentierbau der Empa in Dübendorf wurden nach den Plänen des Baubüros in situ temporäre Büroeinheiten eingebaut um pandemietaugliche Einzelarbeitsplätze zu gewinnen.

Fazit

Der Holzbautag 2021 vom 27. Mai war in dreierlei Hinsicht bemerkenswert. Er fand 2020 nicht statt und war 2021 aufgrund der Covid19-Pandemie in Form einer online-Veranstaltung zu erleben. Er verzeichnete über 600 Teilnehmer – über die Jahre gesehen ein Rekord. Und er zeichnete sich durch qualitativ ausnehmend hochstehende Präsentationen und Referate aus. Also insgesamt ein Erfolg.
 

Moderatoren

  • Hanspeter Kolb, Leiter Kompetenzbereich Brandsicherheit und Bauphysik, Berner Fachhochschule

  • Hanspeter Bürgi, Leiter Studiengang Master Architektur, Berner Fachhochschule

  • Andreas Müller, Leiter Institut Holzbau, Tragwerke und Architektur, Berner Fachhochschule

  • Axel Simon, Redaktor Architektur, Hochparterre

 

Referate

  • Reto Knutti, Klimaforscher, Professor ETH Zürich

  • Hanspeter Bürgi, Leiter Studiengang Master Architektur,Berner Fachhochschule

  • Sandra Burlet, Direktorin Lignum Holzwirtschaft Schweiz

  • Christoph Starck, Geschäftsführer SIA

  • Marilyne Andersen, akademische Direktorin des Smart Living Lab inFribourg, Professorin ETH Lausanne

  • Manuel Spadarotto, Projektleiter Bauphysik, Pirmin Jung Schweiz AG

  • Axel Simon, Redaktor Architektur, Hochparterre

  • Andy Senn, Architekt, Andy Senn Architektur

  • Jean-Marc Ducret, Direktor, JPF – Ducret SA

  • Frédéric Pichelin, Leiter Institut Werkstoffe und Holztechnologie,Berner Fachhochschule

  • Kerstin Müller, Architektin, baubüro in situ